Auf meiner Jakobsweg-Rückreise von Santiago nach Porto kam bei mir während der Busfahrt folgende Frage auf:

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem angestellten Busfahrer und einem Menschen, der freiwillig Leute am Weg mitnimmt?

Die ersten Gedanken kamen auf. Während der eine für die Tätigkeit bezahlt wird, führt der andere sie freiwillig durch.

Was das alles für die eigene (Arbeits-)Motivation bedeutet und was diese beiden unterschiedlichen Handlungsformen bei den Beteiligten eigentlich auslösen kann, möchte ich nun näher behandeln.

Geschäfte verrichten

In einer Marktwirtschaft ist man entweder Verkäufer oder Käufer. Beide möchten für sich selbst das beste Ergebnis aus dem Tauschgeschäft erzielen, doch bloß, wenn es eine Einigung gibt, bekommen beide, was sie voneinander wollen. Eine reine Zweckbeziehung.

Verkäufer gibt es nur, weil es Käufer gibt. Niemand mit nur etwas kaufmännischem Verstand würde eine Ware anbieten, wenn er nicht darauf hoffen würde, dass ihm diese jemand in Zukunft abnehmen wird.

Ein praktisches Beispiel:
Zwischen der 200km langen Strecke zweier Großstädte gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Die Leute fahren dort ausschließlich mit ihren Privatwagen. Nun gibt es aber auch welche, die sich kein eigenes Fahrzeug leisten können, aber trotzdem gerne in die andere Großstadt reisen würden - ein potenzieller Markt.

Ein gewiffter Unternehmer erkennt natürlich dieses Potenzial und errechnet, dass ein Bus gefüllt mit 50 Personen den Preis pro Fahrgast derart senken wird, dass nun auch jene ohne Privatwagen bereit wären, diesen Preis zu bezahlen. Der Bus fährt sich nicht von alleine und es muss ein Fahrer angestellt werden.

Diese Arbeit entsteht nun letztenendes aus dem Markt, genauer gesagt aus dem Marktzwang heraus. Ein neuer Arbeitsplatz steht zum Angebot bereit und angenommen der Arbeitsmarkt war zuvor bereits gesättigt, steigt nun ein ehemaliger Arbeitsloser in das Busfahrer-Business ein. Einige würden sagen diese Person hat sich freiwillig für diese Stelle entschieden. Ich sage, wenn es ums Überleben geht, um Hoffnung auf einen besseren Lebensstandard oder man durch Probleme mit sich selbst dazu getrieben wird, sich Ablenkung von diesen durch eine Beschäftigung zu suchen, ist man mehr oder weniger dazu gezwungen einen Job anzunehmen, der gerade da ist.

So haben wir im Normalfall nun einen Busfahrer der bestenfalls halbherzig bei der Sache ist, da er diese Arbeit nicht aus eigener Motivation heraus erfüllt, sondern entweder aus fremder Motivation, sprich Geld zum Überleben oder einfach aufgrund innerer Zwänge. Dieser Busfahrer wird nur selten seine eigene Arbeit hinterfragen, da er von ihr abhängig ist. Er wird kaum Verbesserungsvorschläge bringen, da ihm die Arbeit an sich egal ist, hauptsache er bekommt sein Gehalt oder seine Ablenkung.

Doch wie könnte es anders funktionieren? Laut der klassischen Wirtschaftstheorie sollte der Schnittpunkt zwischen Angebot und Nachfrage bereits das effizienteste Ergebnis liefern.

Daumen raus

Das mag für viele jetzt vielleicht verrückt klingen, aber was ist, wenn eben nur in die nächste Großstadt gefahren werden kann, falls jemand bereit ist, eine Person freiwillig mitzunehmen? Einfach so, weil man gerne gibt und überhaupt eine gewisse Form von Liebe für alle Mitmenschen empfindet.

Menschen, die sich einen Privatwagen nicht leisten können, stellen sich an den Straßenrand, ein Schild in der Hand mit dem gewünschten Ziel ihrer Reise und Vorbeifahrende können dann entscheiden, ob sie diese Person ein Stück oder gar bis ans Ziel mitnehmen können.

Ja, das gibt es bereits. Es nennt sich "Trampen" oder auch einfach "Autostoppen".

Ganz allgemein heruntergebrochen:
Jemand gibt etwas freiwillig (aus eigener Motivation heraus!), dass dieser zu geben bereit ist, ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu verlangen. Eine Philosophie, die man sicher auch auf weitere Lebensbereiche ausdehnen kann. Und schließlich auch keine Zweckbeziehung, sondern eine echte Beziehung zu einem anderen fremden Menschen, von dem man nichts verlangt und nichts erwartet und eben kein Zwang von außen oder innen vorherrscht.

Das Marktsystem hat über Generationen hinweg in unserem Kopf die Ethik "für jede Leistung muss es eine gleichwertige Gegenleistung geben" eingepflanzt. Doch wir alle wissen doch, dass nicht jeder Mensch zu gleichen Leistungen fähig sein kann. Jeder Mensch ist einzigartig und hat seine individuellen Talente und Potenziale, die er mit der Welt teilen kann. Jeder gibt in anderen Bereichen unterschiedlich viel.

Und wenn es mal keine Geber gibt, z.B. keiner fährt die Strecke zur nächsten Großstadt, dann findet man entweder andere Lösungen oder akzeptiert einfach diese Situation. Aber aus diesem Grund heraus jemanden durch Geld zwingen zu wollen, kann doch nicht die Lösung sein.

Ja, am Ende entscheidet der Verkäufer selbst, ob dieser das Geld gegen die Ware tauschen möchte. Wie aber bereits anfangs erwähnt, beinhaltet so ein Tauschgeschäft die Logik "Gleiches nur gegen Gleiches" und ist man von Geld abhängig, so ist es auch gar nicht erst möglich solche Angebote zu verneinen.

Natürlich gibt es auch Menschen, die trotz Geldgeschäften mit innerer Motivation ihre Arbeit begehen. Grundsätzlich bietet sich jedoch erst mit Einsatz des Geldes die Möglichkeit sich ausschließlich auf dieses zu fokussieren, was dann die Eigenmotivation hemmt.


Ein netter, weiterführender Talk über die Basis der Motivation, den Sinn des Arbeitens und was man aus der kindlichen "Darum"-Antwort auf eine "Warum"-Frage lernen kann, gibt es hier:


Eine Utopie?

Diese Gedanken rein aus Liebe zum Nächsten zu geben und zu erhoffen, dass so auch die Organisation einer Gemeinschaft funktionieren kann, klingen zwar schön, aber sind sie auch praktisch anwendbar?

Meine Antwort: nein. Noch nicht.

Vor allem würde so ein System daran scheitern, dass einige Egomanen die freiwilligen Geber für ihre Zwecke ausnutzen würden. Wenn wir beim obigen Beispiel bleiben, fahren diese Personen dann öfter, als sie es wirklich nötig haben in die nächste Großstadt, einfach nur, weil es nichts kostet. Das dient dann allein ihren egoistischen Bedürfnissen nach sinnloser Ablenkung und Zeitvertreib.

Erst, wenn der Großteil der Menschheit - vielleicht müssen es auch sogar alle sein - ein Bewusstsein nicht nur für sich selbst, sondern auch für die gesamte menschliche Gemeinschaft entwickelt hat, erst dann wäre so ein System denkbar. Nur dann, weiß man erstens, was man selbst wirklich braucht und was nicht, und zweitens, auch einmal die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken für Bedürfnisse anderer oder überhaupt der Gemeinschaft.

In diesem Bewusstsein ist "Nächstenliebe" bereits fest verankert, was soviel bedeutet wie: akzeptiere und schätze dein Gegenüber, auch wenn es dir fremd scheint und sieh darin das, was euch verbindet und nicht das, was euch trennt. Nur so kann auch die Angst vor dem Fremden überwunden werden, denn in Wahrheit hat kein Mensch wahrhaft böse Absichten; jeder versucht nur selbst mit seinem Leben irgendwie klarzukommen.

Technologie als Überwinder der Hemmungen

Bevor das eben Beschriebene erreicht werden kann, liegt noch ein langer und schwerer Weg vor uns allen. Doch bereits jetzt ist es möglich, Technologie so einzusetzen, dass sie uns dabei hilft, diese Schwäche - die Angst vor dem Fremden - zu überwinden.

Bleiben wir wieder bei unserem Fahrerbeispiel.

Da Smartphones bereits vollwertige Navigationsgeräte sind, ist eine App denkbar, bei der ein Fahrer seinen Zielort vor Fahrtbeginn (über Spracherkennung) bekannt gibt, während dann die App die optimale Route berechnet. Dabei kann sie auch auf derzeitige Fahrtrouten anderer Fahrer Rücksicht nehmen, um überlastete Straßen und Staus vorzubeugen.

Leute ohne Wagen nutzen diese App ebenfalls und geben auch ihr Ziel und ihren Standort bekannt. Da es dem Computer möglich ist, auf alle Routen zuzugreifen, kann dieser anzeigen, welches Fahrzeug mit demselben Ziel oder dem Ziel auf der Strecke wann wo vorbeifährt. Beim Fahrer wird angefragt, dem dann ein Social Media-Profil des Fahrtsuchenden angezeigt wird. Die erste Kennenlernschwelle ist damit überwunden und somit ist der spätere Fahrgast auch kein "Wildfremder" mehr. Vielleicht hat man bereits sogar Gemeinsamkeiten gefunden.

So schlecht Social Media auch immer geredet wird, eines muss man diesen Plattformen lassen: sie haben die Welt von einem Ort weniger Bekannter und vielen Fremden zu einem Ort gemacht, an dem jedem zuvor fremden Menschen zumindest ein Gesicht und ein Profil (im Sinne einer groben Kontur der Person) gegeben wird, was dabei hilft zu erkennen, dass ja doch jeder irgendwie ein Mensch ist und uns das tief im Inneren alle vereint.

Von einer Zukunft mit selbstfahrenden Autos, die als öffentliche Taxis dann jedem bereit stehen und ebenfalls die verfügbaren Straßen und Fahrtziele der Mitfahrer noch besser und einfacher ausnützen und verbinden können, will ich noch gar nicht anfangen. Davon sind wir zumindest bürokratisch noch etwas entfernt. Die oben beschriebene Lösung wäre aber locker heutzutage schon mit jedem Smartphone möglich.

Also, wer steigt mit ein?


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Foto: Atlas Green - Unsplash