Wenn es eine Rede gibt, die mir in Zeiten großer Not Mut und Kraft verleiht, die das Feuer in mir lodernd aufflammen lässt, die mich derart tief berührt, meinen Weg weiterzugehen, mich meinen Herausforderungen im Leben zu stellen und in mir weiter den Glauben an einen möglichen Frieden auf der Welt und damit auch im Menschen selbst aufrecht erhält, dann diese.

Die Rede ist von Charlie Chaplins "Der große Diktator" aus dem Jahre 1940 (!).

Originalversion in Englisch (deutsche Untertitel vorhanden)

Einige Sätze dieser Rede möchte ich herauspicken und meine Interpretation dieser Worte daran anhängen, denn ich finde, dass in dieser Rede ein unglaubliches Potenzial steckt und bereits sehr viele Punkte angesprochen werden, die auch heute noch einer Weiterentwicklung der Menschen im Weg stehen.

Dabei werde ich mich hauptsächlich auf die englische Originalversion beziehen und versuchen, sie sinngemäß, so weit es mir möglich ist, zu übersetzen, wobei ich an einigen Stellen auf die deutsche Übersetzung der Rede zurückgreifen werde, wo ich diese für mehr angebracht halte.

Das Wesen der Menschen

Die Rede beginnt mit einer Entschuldigung des Diktators für die Tatsache, dass er kein Herrscher sein möchte:

Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Ich möchte jedem helfen, wenn möglich. Juden, Heiden, Schwarzen, Weißen. Wir alle möchte einander helfen. Menschen sind so. Wir möchten glücklich nebeneinander leben und nicht im gegenseitigen Leid.

Egal, welche Hautfarbe, Religion, Herkunft, Sprache oder sonstige Einteilung uns oberflächlich voneinander zu trennen scheint, tief im Inneren sind wir alle dasselbe: Menschen.

Oftmals stehen aber im gesellschaftlichen Diskurs die Unterschiede deutlich höher als die Gemeinsamkeiten. Und dann wundern wir uns, warum Neid und Hass in uns heranwächst? Niemand fühlt sich wohl in einer solchen Welt. Wir Menschen sind mitfühlende Wesen, deren Überleben immer von einer Gemeinschaft abhängig ist und können es so nicht ertragen, andere in Leid zu sehen, sofern einem das eigene Leid nicht selbst lähmt.

Ich denke jeder kennt den Unterschied zwischen einer Gemeinschaft, in der er sich geborgen fühlt und in der er sein wahres Ich ohne Bedenken zeigen kann, und einer Gemeinschaft, in der man nicht länger als nötig verweilen möchte und in der man sich gewissen Normen fügen muss, die mit einem selbst unvereinbar sind.

Der Fall der Menschen

Das Leben kann so frei und wunderschön sein, aber wir haben den Weg dorthin verloren. Gier hat die menschliche Seele vergiftet und die Entwicklung der Welt mit ihrem Hass blockiert und uns Schritt für Schritt ins Elend und ins Blutvergießen getrieben. Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, doch innerlich sind wir stehen geblieben. Technik, die uns ein Leben im Überfluss beschert, hinterlässt uns unerfüllbare Begehren.

Die Menschen haben ihre Natur, ihre Menschlichkeit, verloren und vergessen, dass sie selbst auch Teil eines großen Ganzen sind. Das Ego (worunter auch Gier und Hass fallen) verdeckt das Offensichtliche: dass gemeinsam zu arbeiten mehr bringt als jeder für sich. Warum muss ich mein eigenes Auto, mein eigenes Werkzeug ständig besitzen, wenn ich es doch nicht immer brauche und eigentlich verleihen könnte. Warum muss es mein Unternehmen sein, dass einen Markt für sich abschöpfen möchte, wenn ich doch mit anderen, der Konkurrenz, gemeinsam mehr erreichen könnte. Nicht nur mehr Profite, sondern überhaupt besser den eigentlichen Sinn und Zweck des Wirtschaftens verfolgen, das Befriedigen von menschlichen Bedürfnissen. Und wenn wir unsere eigene Natur wieder in uns erkennen, dann geschieht dies auch im Einklang mit der Umwelt.

Neue Technologien haben uns Jahrhunderte lang ein besseres materielles Leben ermöglicht, doch im Kern, in unserer Seele, unserer Psyche, sind wir noch immer dieselben. Mit unseren Erkenntnissen bezüglich des eigenen Innenlebens sind wir noch im Mittelalter, wenn nicht durch den übertriebenen Materialismus in der jüngsten Geschichte sogar noch weiter zurück. Vom materiellen Wohlstand her gesehen, geht es uns so gut wie noch nie zuvor, doch innerlich sind wir noch immer unvollständig und unser Handeln wird weiter von seelischen Mängeln unbewusst getrieben.

Wir denken zu viel und fühlen zu wenig. Mehr als neue Technologien benötigen wir Menschlichkeit. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.

Unser Handeln wird weit mehr vom Kopf als vom Herz gesteuert. Wir tun, was richtig klingt, aber nicht, was sich richtig anfühlt. Gerade das Wiederwahrnehmen der eigenen Gefühle öffnet Tür und Tor für das eigene Innenleben und somit auch nicht nur für ein besseres Verständnis von sich selbst, sondern gleichzeitig auch für ein besseres Verständnis von anderen.

Werkzeuge für ein harmonisches Miteinander

Flugzeuge und Radio haben uns näher zusammengebracht. Das eigentliche Wesen dieser Erfindungen fordert nach dem Guten im Menschen, fordert nach der universellen Geschwisterlichkeit, nach dem Gemeinsamen in uns allen.

Zu den Erfindungen können wir heute natürlich auch noch das Fernsehen, Internet und Smartphones zählen. Das sind bereits alles Technologien, die uns ermöglichen können über Landesgrenzen und der eigenen Gruppe, also über den eigenen Horizont hinaus zu blicken, um so zu erkennen, dass wir Menschen im Kern doch alle dasselbe wollen: Frieden in uns und auf der Welt. Diese Werkzeuge sind bereits da, sie müssten nur endlich richtig genutzt werden und nicht als aufmerksamkeits-steuernde Programme, die für Produkte werben, die eigentlich niemand wirklich braucht.

Befreien wir uns

Soldaten! Vertraut euch nicht Barbaren an. Menschen, die euch verachten, die euch versklaven, die euer Leben bestimmen, die euch sagen, was ihr zu tun habt, was ihr zu denken habt und was ihr zu fühlen habt. Die euch abrichten, euch abspeisen, die euch wie Vieh behandeln und euch als Kanonenfutter verwenden. Gebt euch diesen unnatürlichen Menschen nicht hin, diesen Maschinenmenschen mit Maschinenköpfen und Maschinenherzen. Ihr seid keine Maschinen! Ihr seid kein Vieh! Ihr seid Menschen! Ihr habt die Liebe der Menschlichkeit in euren Herzen! Ihr hasst nicht. Nur die Ungeliebten hassen, die Ungeliebten und die Unnatürlichen.

Mit "Soldaten" sollen sich alle angesprochen fühlen, die einem unmenschlichen System dienen, was dieses auch sein mag: ein Wirtschaftssystem, das Profit über Menschen stellt, ein politisches System, dessen Machthaber Machterhalt über Menschen stellen, ein Schulsystem, dass Kinder im Gleichtakt in das gleiche Korsett zwängen will und so den individuellen Entwicklungsbedürfnissen im Weg steht, und und und.

Es ist Zeit, dass Menschen aufwachen und erkennen, dass sie es sind, die handeln. Keine Entschuldigungen mehr, die man auf das System bezieht. Jeder Einzelne trägt mit jeder einzelnen Handlung, mit jedem einzelnen Gedanken dazu bei, ein System aufrecht zu erhalten, oder nicht. Ein System legt der eigenen Fantasie Grenzen auf, sie begrenzt die denkbar möglichen Vorstellungen. Es schreibt vor, was richtig ist und was falsch, und wenn Menschen sich gegen ihr eigenes Empfinden entscheiden und somit nicht für sich einstehen und für das, was sich für sie richtig anfühlt, dann werden aus Menschen Maschinen, herzlose Maschinen, die sich stets an das herrschende System anpassen werden und daher menschlichen Fortschritt behindern.

Die Liebe, also das Eingestehen dessen, was man ist und was uns Menschen alle verbindet, ist eine entscheidende Kraft, um das tun zu können, was erforderlich ist. Sie kann uns den richtigen Weg weisen. Fragt euch doch mal, woraus Hass entsteht. Es ist eine lohnenswerte Reise in das tiefe Innere eines Menschen.

Wir haben die Macht

Ihr, das Volk, habt die Macht. Die Macht, Maschinen zu bauen, die Macht Zufriedenheit zu schaffen. Ihr, das Volk, habt die Macht, dieses Leben frei und wunderschön zu gestalten, dieses Leben zu einem wundervollen Abenteuer zu machen. Dann - im Namen der Demokratie - lasst uns diese Macht nutzen, vereinigen wir uns. Lasst uns für eine neue Welt kämpfen, eine anständige Welt, die Menschen ermöglicht zu arbeiten, die der Jugend eine Zukunft und den Alten Sicherheit bietet.
[...]
Lasst uns jetzt dafür kämpfen, dieses Versprechen einzulösen. Lasst uns kämpfen, um diese Welt zu befreien, um nationale Grenzen einzureißen, um den Neid, den Hass und die Intoleranz aus dieser Welt ein für alle mal zu vernichten. Lasst uns kämpfen für eine Welt der Vernunft, in der Wissenschaft und Fortschritt allen Menschen zum Glück verschafft..
Soldaten! Im Namen der Demokratie, vereinigen wir uns!

Wir Menschen haben die Macht. Nutzen wir sie. Ein Einzelner allein kann bereits etwas verändern, doch stehen wir zusammen, scheint selbst das Unmögliche möglich zu sein. Wir sind diejenigen, die die Welt der Zukunft gestalten, die Welt, in der unsere Kinder und unsere Kindeskinder leben werden.

Werden wir uns endlich klar, wie oft wir nicht bewusst handeln, sondern schlicht und einfach einem System dienen. Diese Erkenntnis mag unangenehm sein, doch wie sonst können wir ein System umgestalten. Fehler zu begehen ist nicht verwerflich, nur wenn man nicht aus ihnen lernt.

Lasst uns den Fokus wieder auf den Menschen richten, auf das, was uns alle eint, auf die Menschlichkeit. Lasst uns eine Welt errichten, in der jeder ein Leben in Zufriedenheit führen kann. Eine Welt, in der Wirtschaft, Politik, Bildung und Wissenschaft den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Eine Welt, in der man das Gegenüber als das, was es ist, zu schätzen weiß, in der man auf den Gemeinsamkeiten aufbaut und den Unterschieden Raum lässt. Eine Welt, in der wir Menschen wieder die Balance finden, die uns tief im Innersten schon immer intuitiv antreibt.


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Foto: Leo Reynolds auf Flickr