Wir alle wissen, wie sehr sich familiäre Verhältnisse auf die Entwicklung eines Kindes auswirken können. Was dabei aber als Elternteil häufig vergessen wird, ist die Unkenntnis über das eigene Selbst und das daraus resultierende unreflektierte Verhalten, das sich besonders in den ersten Lebensjahren mindestens genauso stark auf die Kindesentwicklung ausschlägt.

Kinder brauchen bedingungslose Liebe

Jeder Mensch hat zu Beginn seines Lebens das Bedürfnis nach Zuwendung und Nähe, kurz bedingungsloser Liebe. Das bedeutet, das Gegenüber so anzunehmen, sich so einzufühlen und es so versuchen zu verstehen wie es nunmal ist, ohne an irgendwelche Bedingungen, wie ein erwünschtes Verhalten gebunden zu sein. Ein Kind "nur" zu lieben reicht nicht. Was am Ende zählt ist nur, ob sich das Kind auch geliebt fühlt. Genau das ist die Aufgabe der Eltern. Im späteren Leben kann diese bedingungslose Liebe niemand mehr ersetzen.

Vernachlässigen die Eltern - aus welchen Gründen auch immer - diese Pflicht, sucht das Kind Befriedigung dieses Bedürfnisses woanders oder entwickelt Kompensationsmechanismen um mit dem Liebesmangel umgehen zu können.

Aber Achtung! Das Kind zu sehr zu verwöhnen, ihm die eigenen Grenzen nicht aufzuzeigen bzw. es in ihrem Verhalten nicht ausreichend zu spiegeln, kann ebenfalls zu einem verzerrtem Selbstgefühl des Kindes führen. In weiterer Folge betrachten wir allerdings ausschließlich den Liebesmangel.

Niemand von uns hatte die perfekten Eltern, die er als Kind gebraucht hätte. Niemand wurde zu jeder Zeit in jeder Situation der eigenen Kindheit vollständig verstanden. Daher ist jeder Mensch in irgendeiner Art und Weise - manche stärker, manche schwächer - durch Liebesmangel in der frühen Kindheit betroffen. In der Gesellschaft wird das nicht wirklich als Problem erkannt, da durch die allgemeine gesellschaftliche Betroffenheit der Anschein entsteht, dass dieses Problem "normal" bzw. gesund sei, was es aber keinesfalls ist.

Still Face Experiment

Wie sich Momente, in denen das Kind nicht wahrgenommen wird, auswirken, zeigt das Still Face Experiment.

Dabei interagiert die Mutter mit ihrem Kind zuerst ganz normal, redet mit ihm und reagiert auf dessen Handlungen. Dann stellt sich alles um. Die Mutter reagiert nun einige Minuten lang nicht mehr auf das Kind.

Bereits diese kurze Zeit des Ignorierens löst in dem Kind eine Stresssituation aus. Man kann sich denken, was passiert, wenn das auf Dauer über die gesamte Kindheit geschieht.

Hier zum Nachsehen:

Liebesentzug in der Kindheit

Ein andere Studie von Rene Spitz aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt, wie Säuglinge reagieren, wenn sie ohne Liebe oder emotionale Spiegelung aufgezogen werden. Nur die materiellen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Kleidung, usw. wurden erfüllt.

Die Folgen dieser Extrembedingungen waren, dass sich die Kinder nicht mehr gesund entwickeln konnten und gestörte Verhaltensweisen annahmen. Sie lernten weder zu sitzen, stehen, gehen oder zu sprechen.

Am besten, man sieht sich selbst die Videoaufnahmen dieser Kinder an:

Kein Selbst ohne Liebe

Durch fehlendes Verständnis und Spiegelung des Kindes erhält dieses nicht die Möglichkeit, sich selbst zu erfahren und kann deshalb nicht erkennen, wer es eigentlich ist. Stattdessen geschieht es häufiger, dass Eltern gewisse Verhaltensweisen am Kind loben und andere bestrafen.

Klar, auch dem Kind Begrenzungen aufzuzeigen, die es zu akzeptieren gilt, gehört zu einem gesunden Erwachsenwerden. Davon ist auch hier nicht die Rede. Vielmehr geht es dabei um das Formen der Kinder nach den eigenen Erwartungen. Ist Lob die einzige Form, wie das Kind "Liebe" erhält, muss es sich eine Maske aufbauen und sich von dem verstellen, was es eigentlich ist, um überleben zu können.

Hat man als Elternteil in der Jugend selbst unter Liebesmangel gelitten, kann es sein, dass man das eigene Kind als Kompensation benutzt. So nimmt man das Kind dann nicht mehr so an, wie es ist, sondern erwartet vom Kind die Anerkennung, die man in der eigenen Kindheit nie oder nur wenig erfahren hat, aber auch das Gefühl, das ganze Leben lang vom Kind gebraucht und verehrt zu werden.

Und so beginnt ein Kreislauf. Denn wird das Kind nicht so verstanden und gespiegelt wie es ist, kann es sich auch selbst nicht erfahren und wird als Heranwachsender ebenfalls den Liebesmangel irgendwie kompensieren wollen. Gegebenenfalls auch wieder am eigenen Kind.

Kompensationsmechanismen

Das Kind kann auf den Liebesmangel u.a. in diesen zwei Formen reagieren, die sich teilweise auch noch bis ins Erwachsenenleben auswirken.

Lob provozieren

Entweder richtet sich das Kind nach dem Lob und der Anerkennung als einzigen Weg, wie es vermeintlich Liebe erhält und passt sich daher den Erwartungen der Eltern an. Es ist und bleibt auch beim Heranwachsen angewiesen auf Zustimmung von außen und lebt entfremdet vom eigenen Selbst. Im Extremfall spürt das Kind keine wahren Gefühle, da der Überlebensweg als Kind aus der Erfüllung der Bedürfnisse anderer bestand.

Daraus können Menschen entstehen, die ihr ganzes Leben lang um äußere Anerkennung und Bedeutung kämpfen. So wird beispielsweise Karriere gemacht, Statussymbole angehäuft, immer den aktuellen Modetrends hinterhergerannt oder das Äußerliche um jeden Preis, auch gegen das Altern, versucht zu bewahren. Alles nur um den Selbstwert in den Augen anderer zu erhöhen und so auch auf keinen Fall an das erinnert zu werden, was eigentlich benötigt würde: Liebe.

Sorge provozieren

Die andere Möglichkeit ist, dass das Kind akzeptiert, nicht gut genug zu sein und niemals die Erwartungen der Eltern erfüllen kann. Daher identifiziert es sich mit allen von den Eltern als negativ formulierten Eigenschaften. Dieses Einreden der eigenen Minderwertigkeit hat den Effekt, dass das Kind von den Eltern nicht noch weiter entwürdigt werden kann. Die "Liebe" erhofft es sich durch Provokation von Sorge. Das Kind macht sich so klein und schwach, so dass sich andere um es kümmern müssen. Zeigt es sich hilflos und bedürftig, bekommt es Zuwendung.

Im Erwachsenenalter macht sich das auch weiter bemerkbar, durch Aussagen wie, dass man etwas nicht kann, schafft, nicht allein gelassen werden will oder dass man irgendetwas eigentlich gar nicht verdient hätte. Mit Lob und Erfolg können diese Menschen nur schwer umgehen, da ihr Selbstbild darauf aufbaut, nicht gut genug zu sein. Würden sie dieses Bild ablehnen oder hinterfragen, müssten sie sich mit dem Schmerz aus der Kindheit dahinter konfrontieren. Daher reden sie auch ihre persönlichen Erfolge klein und können Komplimente nur schwer annehmen. Zur Not wird ein Lob dann auch mit beleidigenden oder provozierenden Reaktionen bekämpft.

Zudem kann es sein, dass man Krankheiten und Verhaltensweisen entwickelt, die die Sorge der Eltern oder anderer provozieren soll, wie z.B. Allergien, Drogenmissbrauch oder Selbstverletzung.

Folgen für die Gesellschaft

Die Folgen einer solchen Kindesentwicklung sind zahlreich. Diese Personen haben sich nie selbst erfahren. Sie tun sich schwer die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auf ihre innere Stimme zu hören, da sie ihr ganzes Leben lang auf Bestätigungen von außen angewiesen waren. Sie leben in einer ständigen inneren Unruhe - einer Spannung zwischen innen und außen. Während diese Menschen äußerlich "normal" wirken wollen, sind sie innerlich leer bzw. würden sie eigentlich einen Schmerz spüren, mit dem sie sich aber nicht konfrontieren wollen und diesen daher auf andere projizieren oder sich davon ablenken. Gezeigte Gefühle sind oft nur oberflächlich, aber nie auch wirklich gefühlt.

Ablenkungen bzw. Kompensationen des Liebesmangels bieten Arbeit, Partnerschaft und Elternschaft. Daher erklärt sich u.a. auch, wieso so viele Menschen ihren Lebenssinn verlieren, wenn sie arbeitlos sind oder in Pension gehen. Die Kompensation des inneren Schmerzes ist verschwunden und es müssen neue Möglichkeiten dazu gefunden werden.

In Partnerschaften ist es ein Leichtes den Grund für die eigene Unzufriedenheit am Partner zu suchen und auch zu "finden". Zudem ergänzen sich die beiden oben erwähnten Kompensationsmechanismen perfekt. In so einer Partnerschaft besitzen beide einen schwachen Selbstwert und brauchen einander. Der eine Teil möchte bewundert und idealisiert werden, während der andere Teil genau diesen "Bewunderer" spielt. Die eine Seite will ständig gelobt werden, um damit ihren Liebesmangel zu kompensieren, die andere Seite darf sich in ihrer Minderwertigkeit bestätigen, sich vom Partner abhängig machen und sich so weiterhin klein und unbedeutend fühlen.

Auch in der Politik lassen sich diese Phänomene beobachten. Politiker verhalten sich wie jemand, der Lob provozieren möchte. Dazu braucht man nur am Wahlabend den verschiedenen Stimmen zuzuhören: Irgendwie war nämlich immer irgendetwas ein Erfolg, nur selten wird ein Fehler eingestanden. Zudem vermeiden sie es, jede Art von Schwäche zu zeigen. Daher geht es in der Kommunikation mit der Wählerschaft auch häufig nicht um Inhalte, sondern darum wie sie verpackt werden, um gewählt zu werden und so die Anerkennung von außen zu erlangen. Auf der anderen Seite fühlen sich viele Wähler ohnmächtig oder wagen zu wenig Selbstverantwortung, was Ähnlichkeiten zum Sorge provozierenden Typ aufweist.

Die Kompensation durch Elternschaft habe ich bereits zuvor kurz angeschnitten. Im Grunde geht es um eine Umkehrung der Liebesverhältnisse. Eigentlich sollten Eltern das Kind so lieben, wie es ist, doch in diesem Fall erwartet man diese Liebe vom Kind, sowie auch Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden. Gerne schiebt man auch hier den Grund für die eigene Unzufriedenheit auf den Nachwuchs. Doch nicht Kinder sind verantwortlich für die Probleme der Eltern, sondern die Eltern selbst. Anstatt eines Kindes kann man sich aber auch z.B. Haustiere denken.

Ganz allgemein, ohne die Erfahrung des eigenen Selbst bleibt man Spielball anderer. Man bleibt abhängig von Äußerlichkeiten und beeinflussbar von jeglichen Autoritäten. Dazu habe ich in den letzten Blogbeiträgen schon aufgezeigt, wie sich so etwas auswirken kann. So z.B. bei der Beeinflussbarkeit beim Einkauf oder anderen Entscheidungen im Leben, dem Ohnmächtigkeitsgefühl gegenüber scheinbar mächtigen Autoritäten oder der Suche nach der eigenen Identität.

Wo bleibt der Diskurs?

Aus all diesen genannten Gründen frage ich mich jedoch, wieso gefühlt so wenig darüber geredet wird. Ist es wirklich so, dass dieses Problem nicht als solches erkannt wird, da es so gut wie jeden in irgendeiner Form selbst betrifft? Will man sich mit dem Schmerz einfach nicht auseinandersetzen?

Und wieso gibt es für viele Berufe derart starke Reglementierungen und geforderte Qualifikationen und Eltern werden kann jeder? Ist denn nicht klar, dass es die Eltern sind, die den Grundstein jeder neuen menschlichen Generation legen?

Wir sind alle betroffen

Mit diesem Text möchte ich nicht sagen, dass jeder diese beschriebenen Verhaltensweisen aufweist, aber da jeder in irgendeiner Weise davon betroffen ist, wird das auch jeder in mehr oder weniger starker Form spüren oder nachvollziehen können bzw. sollen.

Oft ist es schwierig sich selbst darin zu erkennen, da die eigene Kindheit unbewusst als zu schön idealisiert wird, da man diesen Schmerz der da noch tief in einem sitzt, um jeden Preis vermeiden möchte.

Und natürlich legt die eigene Kindheit noch nicht das Erwachsenenleben fest. Doch der öfter gegangene und bequemere Weg im Leben ist der, bei dem man den Wurzeln der eigenen Probleme häufiger aus dem Weg geht, sich mit Belanglosem ablenkt ohne sich in seinem Verhalten einmal selbst zu hinterfragen.

Durch Psychotherapie und/oder intensiver Selbstreflektion kann man sich je nach Ausmaß auch selbst mit diesem Schmerz konfrontieren und so gut wie möglich doch noch zum eigenen Selbst finden.

Was wir tun können, ist die bestmögliche Version unseres eigenen Selbst auszuleben und unsere Erkenntnisse der nächsten Generation weiterzugeben, damit diese bereits begangene Fehler nicht mehr wiederholt.


Wenn du dich mit dem Thema weiter auseinandersetzen möchtest kann ich dir folgende Bücher empfehlen:

  • Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst von Alice Miller

  • Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm von Hans-Joachim Maaz


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Foto: Paul Hanaoka - Unsplash