Schon länger beschäftigt mich die Frage, wieso denn nicht jeder ehrlich sein kann und das sagt, was man sich eigentlich denkt. Traut man sich das nicht, in der Angst andere zu verletzen oder selbst ausgestoßen zu werden? Welche Gründe hat man, das anzunehmen?

Menschen formen aus vergangenen Erfahrungen ihre Erwartungen an die Zukunft. Die Sonne ging das ganze Leben lang immer auf und unter, darum wird erwartet, dass sie das auch noch in Zukunft tut. Bisher lag man mit dieser Vorstellung goldrichtig. Es wird aber nicht immer so sein, auch wenn die Menschheit das wohl nicht mehr erleben wird.

Weil der Partner sich über die ganze Beziehung lang so verhalten hat, wird er auch in Zukunft so sein? Stimmt vielleicht auch manchmal, aber hier stößt man schon früher an die Grenzen. Was, wenn man sich selbst oder der Partner sich verändert hat? Schließlich entwickelt man sich auch als Erwachsener noch immer weiter und lernt (hoffentlich) aus den eigenen Fehlern. Erwartet man vom Partner das stetige Gleichbleiben, so müsste man sich verstellen um diese Erwartung erfüllen zu können. Oder man bleibt sich treu und zeigt ehrlich die neuen Seiten.

Nicht zu selten projiziert man auch die eigenen Reaktionen auf andere. Das heißt, man ist der Auffassung, andere würden in einer Situation genauso reagieren wie man selbst auch. Da wir Menschen aber alle unterschiedlich sind und ganz andere Erfahrungen in unserem Leben gemacht haben, trifft das nur in den wenigsten Fällen auch tatsächlich zu.

Warum Ehrlichkeit wichtig ist

Niemand ist in der Lage in den Kopf eines anderen Menschen zu sehen. Wir können zwar mitfühlen, wenn uns jemand eine Geschichte aus dem Leben erzählt, aber richtig nachzufühlen, was diese Person damals gefühlt hat, ist nur möglich, wenn auch ehrlich erzählt wird - ohne Ausnahme.

Menschen, die in irgendeiner Form lügen, belügen vorrangig nicht andere, sondern sich selbst. Sie leben entgegen dem, was sie eigentlich sind. Andere haben sowieso ein unvollständiges Bild von uns im Kopf, das wir auch nicht unbedingt kennen: das Fremdbild. Damit dieses Bild besser zur Realität passt, ist es erforderlich ehrlich zu sein, besser gesagt: authentisch zu sein. Einfach man selbst.

Doch warum ist es überhaupt wichtig, dass das Fremdbild möglichst gut mit einem selbst übereinstimmt?

Nur so können uns andere verstehen. Öffnen wir anderen unsere inneren Vorgänge, so erkennen wir vielleicht, dass wir im Kern eigentlich gar nicht so verschieden sind und dass in uns allen Ähnliches vorgeht, mit dem man sich vielleicht so nie beschäftigt hat. Oder es hilft dabei, den anderen so anzunehmen, wie er ist. Ein Grundbaustein für ein gesundes Selbstbewusstsein und in weiterer Folge für eine gesunde Gesellschaft.

Perfekt wird das Fremd- und das Selbstbild wohl nie zusammenpassen, sowie es überhaupt herausfordernd ist, ein unverfälschtes Bild über sich selbst zu hegen. Doch es geht hier nicht um Perfektion, sondern um ein toleranteres Verständnis untereinander.

Wieso man zu manchen Leuten anders ist

Bei der Familie verhält man sich anders wie bei Sandkastenfreunden und auch in der Schule oder in der Arbeit passt man sich wieder an. Warum eigentlich?

Man besitzt dieses eine Bild, das man selbst von sich hat und dazu dann noch je nach Anzahl der Gemeinschaften, in denen man sich anders verhält, mehrere Fremdbilder. Jede Gemeinschaft hebt bestimmte Teile des Selbstbildes hervor, die sie für gut befindet und überschattet andere Teile, die nicht gern gesehen werden.

Die Familie wünscht sich vielleicht eher den strebsamen Studenten, der hoffentlich bald eine Partnerin findet und endlich mal arbeiten geht. Man passt sich an. Bei engen Freunden, darf man vielleicht sogar so sein, wie man ist und in der Arbeit schluckt man Kritik an Kollegen herunter oder lästert stattdessen hinter deren Rücken, während man in Familien- oder Freundessituationen jemandem die Wahrheit ins Gesicht sagen würde.

Niemand ist perfekt

Kein Mensch ist perfekt. Und kein Mensch ist in der Lage sein gesamtes Verhalten in jedem Augenblick zu beobachten. Deshalb wäre es doch auch ganz hilfreich, wenn man anderen Personen erlauben würde, ihre ehrliche Meinung zu sagen und Hinweise anzunehmen, die auf ein eventuell unrundes Verhalten hinweisen.

Zum Beispiel fällt einem vielleicht gar nicht auf, wie oft man sich über die Arbeit oder eine gewisse Person beschwert, ohne dabei auch nur irgendeinen Versuch zu wagen, die Situation irgendwie zum Besseren zu verändern.

Häufig scheitert so ein Aussprechen der ehrlichen Meinung daran, dass man sich davor fürchtet, die andere Person zu verletzen oder zu verärgern. Wie schön wäre es, wenn Menschen damit umgehen könnten und sich dabei nicht gleich persönlich angegriffen fühlen würden?

Schließlich kann jeder selbst entscheiden, wie man auf eine Situation reagiert. Ob man sich entweder sofort selbst rechtfertigen möchte oder die Meinung zu allererst mal annimmt und dann vielleicht ein Missverständnis aufklärt oder sich tatsächlich mit der eigenen Schwäche konfrontiert, ist jedem selbst überlassen.

Wege der Ehrlichkeit

falsche Vorstellungen auflösen

Niemand kennt das eigene Leben, so gut wie man selbst. Deshalb darf das Gegenüber einen ruhig auch mal falsch einschätzen. Viel zu oft kommt es vor, dass man sich falsche Vorstellungen über etwas macht. Spricht man diese Vorstellungen allerdings nie mit der betroffenen Person aus, kann man diese auch nie korrigieren. Eine klärende Aussprache bewirkt oft Wunder.

So könnten zwei Personen ziemlich unterschiedliche Auffassungen von einer Beziehung haben. Ein allgemein gültiges Konzept gibt es hier nicht. Die eine Person sieht eine Beziehung vielleicht als belastende Bindung, fast schon wie ein Gefängnis, während die andere Person gar keine konkreten Vorstellungen von einer Beziehung hat und sie als einzigartige Verbindung zwischen zwei (oder mehreren) Menschen sieht, deren jeglich mögliche Konstellationen man einfach nicht miteinander vergleichen kann.

Solche Vorstellungen können durch eigenes Empfinden oder durch gemachte Erfahrungen entstanden sein. Um aber die Vorstellungen des Partners kennenzulernen, ist es erforderlich, vorerst auch ehrlich darüber reden zu können, ehe man sich später aufgrund von genau diesem Missverständnis in Schwierigkeiten stürzt.

Zum Erfolg eines ehrlichen Gesprächs gehört auch die Fähigkeit nicht vorschnell zu urteilen und zu bewerten. Niemand wird gern in eine Schublade gesteckt. Eine gewisse Portion Einfühlsamkeit ist auch angebracht, denn auch nicht jeder kann den Weg zur Wahrheit gleich schnell gehen. Manche verkraften nur kleine Schritte, andere kann man sofort mit vermeintlichen Symptomen eines "falschen" Lebens konfrontieren.

Ist es nicht auch so, dass uns andere aus Traumbildern erwecken können, die wir für uns selbst halten? Ja, es tut weh, wenn das passiert. Aber lieber früher als später. Denn erst am Ende des Lebens zu erkennen, dass man nicht das eigene Leben gelebt hat, schmerzt noch weitaus mehr.

persönliche Entwicklung

Mit Kritik umgehen zu können, heißt wachsen zu können. Die eigene Persönlichkeit entwickelt sich im Idealfall ständig weiter und anstatt von ehrlich ausgeprochenen und gut gemeinten Gedanken beleidigt zu sein, ist es hilfreicher die Kritik vorerst anzunehmen und daraus zu lernen. Ist die Kritik unberechtigt, so hat man immerhin dazugelernt, wie die kritisierende Person einen eigentlich wahrnimmt und kann bei Bedarf ja noch aufklären.

Gerade die Menschen, die einen am nächsten stehen, sind in der Lage am besten als Außenstehende das eigene Leben zu beobachten, sind aber gleichzeitig dadurch auch in der Position, am meisten verlieren zu können.

Es kann also nie schaden einmal wieder zu betonen, dass ehrliche Gespräche immer erwünscht sind und man sich vor nichts zu fürchten braucht. Denn nur ehrliche Freunde kennt man wirklich und nur ehrliche Freunde können dabei helfen zu wachsen.

Ehrlichkeit als Basis einer gesunden Gesellschaft

Das, was man selbst ist, kann durch ehrliches Zusprechen und Reflektieren anderer leichter erkannt werden und stärkt das Bewusstsein für das eigene Selbst.

Das Individuum wird zwar von der Gesellschaft beeinflusst, doch die Gesellschaft ist die Summe der Individuen und die Gesellschaft ändert sich auch nur, wenn sich zuvor Individuen verändert haben.

Schaffen wir es also eine gewisse Anzahl an Personen, in erster Linie mal uns selbst, zu ehrlichem Verhalten zu bewegen, reißen wir ab einem gewissen Punkt gleich die gesamte gesellschaftliche Stimmung mit und es wäre möglich, eine gesunde Gesellschaft zu bilden, in der man sein kann, wie man ist und in der man keine Angst mehr haben müsste, ehrlich zu sein.

Und wer würde so eine Welt schon ablehnen?


An alle, die mir schon immer etwas sagen wollten

Falls dir nun etwas auf der Seele liegt, dass du mir schon immer sagen wolltest, du dich aber nie dazu getraut hast, dann ist das jetzt genau der richtige Moment mir deine ehrliche Gedanken mitzuteilen.


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Foto: Oscar Keys - Unsplash