Gut ein Jahr ist es nun her, seit ich hier auf embrace the rain immer wieder meine Gedanken und Gefühle teile. Spannend, denn dieser Zeitpunkt fällt gerade mit jenem zusammen, an dem ich meine eigene Schreib-Biografie reflektiere, weswegen ich Dir nun die Geschichte des Werdens meines Schreibens, die schlussendlich in diesem Blog mündete, erzählen kann.

Zurückerinnern an meine ersten geschriebenen Worte kann ich nicht, doch eines hat mir meine Mutter erzählt: von Buchstaben war ich während des Lesen-Lernens derart fasziniert, dass ich mir kurzerhand das restliche Alphabet abseits der Schule angeeignet habe. Diese Faszination besteht auch heute noch. Immer wieder erwische ich mich dabei in einem Textprogramm verschiedene Schriftarten auszuprobieren; jede gibt den Worten noch einen eigenen Charakter mit und so kann es sein, dass ich die ersten 15 Minuten nicht für das Schreiben eines Texts, sondern für die Auswahl der Schriftart und der Abstände widme.

Meine ersten dokumentierten Schriften gehen auf mein Tagebuch zurück. Es war kein besonderes Buch, kein Schloss oder sonst irgendetwas Hochwertiges daran; kein Schatz, den ich verborgen hätte wollen. Es war eigentlich ein Schulheft, das ich mit 8 Jahren begann zu befüllen. Wie ich auf die Idee kam ein Tagebuch zu führen, ob ich davon gelesen, gehört oder gesehen habe, ist mir bis heute noch ein Rätsel. Tatsache ist aber, dass ich das Tagebuch - mittlerweile sind es drei an der Zahl - bis heute noch weiterführe und es mir immer wieder Kraft schenkt durch alte Zeilen hindurchzublättern und mich an meiner Entwicklung durch Zeiten des Zweifels und Zeiten der Hoffnung zu erfreuen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich ohne das Schreiben heute nicht das sein könnte, was ich jetzt bin. Und damit meine ich, dass das Schreiben in meiner Heranreifung sicher ein tragende Rolle übernommen hat.

In meiner Zeit im Gymnasium sowie in der HTL habe ich es sehr genoßen, Texte schreiben zu dürfen. Grammatik war damals - und ist es wohl auch noch immer - eine Abschreckung, doch beim Schreiben konnte ich mich entfalten und ich kann mich auch an meine Neugier erinnern, liebend gerne den Texten von anderen zu lauschen. Besonders wenn Mitschüler*innen ihre Geschichten mit frischen, humorvollen Wendungen versähten und diese liebevoll mit Adjektiven ausschmückten, packte mich der Neid. Irgendwie wollte ich damals die besten Texte schreiben. Da bin ich froh, dass das heute nicht mehr so ist.

In der HTL war Deutsch eine Randerscheinung, auch was das Schreiben von Texten betraf. Meine Lehrerin dort, sah irgendetwas in mir, was ich nicht in mir sah - oder sie war einfach anderweitig von mir angetan. Jedenfalls wirkte sie auf mich immer bitter enttäuscht, wann sie mir nur ein ›Gut‹ auf die Schularbeit geben musste - sie kenne Besseres von mir. Weiters kann ich mich noch erinnern, dass ich in Stunden großer Langeweile in den verschiedensten Unterrichtseinheiten oft auch das Mittel des Schreibens als satirischen Ausdruck meiner Unzufriedenheit verwendete. Im Nachhinein auch nicht nur für mich ein Gewinn, sondern auch für meine Mitschüler*in, die dadurch auch abseits des zahlenlastigen Unterrichts unterhalten wurden.

Der vorläufige Höhepunkt meiner Schreibkarriere ergab sich im Rahmen meines Zivildienst in einem Krankenhaus. Wieder ist es Langeweile und die Inakzeptanz der herrschenden Verhältnisse, die meine Feder führte. Woche für Woche schrieb ich auf meinem Handy ein Kapitel, das sogleich im dortigen Zivildienst-Kammerl vorgetragen wurde. Am Ende wurde es ein Buch mit 100 Seiten und in zwei Auflagen mit insgesamt 30 Büchern in die Welt gesetzt.

›Das BiRätsel‹ - das Ergebnis aus 9 Monaten Zivildienst mit Leiden schafft

Mit Ende des Zivildienstes endet auch das Schreiben, dachte ich mir damals. Dem war aber nicht so. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen begann ich im Privaten das Schreiben fortzuführen. Die Aufgabe, die das erfüllte war Gedanken zu klären, das niederschreiben zu können, was ich in Gesprächen damals nicht aussprechen konnte oder wollte. Ich kam ins Philosophieren. Und irgendwann war der Druck so groß, mich zu öffnen und all meine Worte auch mit einer Öffentlichkeit teilen zu wollen und mit ihr im Austausch zu stehen, dass ich mich entschloss einen Blog, eine Website im Internet damit zu befüllen.

Und so stehe ich nun da. embrace the rain ist nun ein Jahr alt und wurde von mir regelmäßig mit Inhalten befüllt. Diese Seite habe ich nie betrieben, um damit ein großes Publikum zu erreichen oder jemandem meine Meinung aufzudrängen. Für mich war und ist es immer noch ein Ort, an dem ich meine innersten Vorgänge teile, weil ich mir denke, dass es irgendwo auch Menschen gibt, die bestimmte Gedanken und Gefühle in mir nachvollziehen können und dadurch bestärkt werden können, wie ich es mir vielleicht auch früher gewünscht hätte, bestärkt worden zu sein; ein Ort, an dem ich in meiner Lebensrealität noch ungedachte Wege öffne, nicht dass diese Wege begehen werden sollen, sondern einfach um zu zeigen, dass da noch ganz viele Wege sind und so Perspektiven aufzuzeigen, die die Blockade vor diesen Wegen aufzulösen vermögen; ein Ort, an dem ich mir auch einen Austausch erhoffe, der zwar bisher nicht direkt über die Website gelaufen ist, aber durch vereinzelte Rückmeldungen von alten Bekannten, neuen Unbekannten oder auch am Familientisch und die mich allesamt sehr berührt und bereichert haben.

Und in diesem Sinn möchte ich embrace the rain auch weiterführen. Den Möglichkeiten der Zukunft wird ihr Raum zugestanden und nicht vorweggenommen. Auf das Vergangene blicke ich mit Stolz und Demut zurück und ich bedanke mich für alle Worte, für die netten, aber besonders auch für die kritischen. Danke für jeden Moment Eurer Aufmerksamkeit, den ihr mir oder den von meinen Worten ausgelösten Gedanken und Gefühlen geschenkt habt.

Danke. Die Aufmerksamkeit ist das höchste Gut, das wir haben und ich versuche mit ihr auch sorgsam umzugehen.

Das Schreiben an sich

Was wäre ein Text von mir ohne eine Prise Philosophie. Genau solche Gedanken möchte ich diesem persönlichen Text noch anhängen.

Das Schreiben. Die alleinige Tatsache, dass ein Wort dem anderen folgt, ein Satz dem nächsten und dies einer bestimmten Richtung folgt, schafft Klarheit. Gehen in einem Moment tausende verschiedene Gedanken auseinander, das Schreiben bindet sie wieder zusammen.

Doch nicht nur das Binden, sondern auch das Polieren erfüllt die schriftliche Formulierung. Einen Satz zu schreiben, ihn zu lesen und darüber zu reflektieren, ist eine Vorgehensweise, um zu erkennen, was man eigentlich sagen möchte und wie man dies dann auch am besten umsetzen kann. Man feilt an Formulierungen, wählt Bilder, die das Gegebene in anderer Form darstellen, bis am Ende die schlicht geschliffene, literarische Essenz hervorkommt, an der kein überflüssiges Speck mehr hängt, an der alles seine Ordnung und seine Harmonie hat.

Eine verfestigte Illusion

Mit all dem was das Schreiben Gutes bringt, illusioniert es uns auch. Denn: Geschriebenes steht fest. Es ist ein Moment eingefangen in die Ewigkeit. Ein Moment, der nicht für immer gilt, aber für immer steht. Jeder, der selbst schreibt und ältere Texte von sich liest, kommt wohl oder übel zu der Erkenntnis, dass man heute solche Texte anders schreiben würde. Nicht, dass die alten Texte falsch wären - nein, sie gelten einfach nur für diesen Moment, in dem sie damals geschrieben worden sind. Und dieser damalige Moment beinhaltet den damaligen Zustand der schreibenden Person und dessen Umfeld, die so nie mehr wieder rekonstruiert werden können.

Ich denke, das ist ein Grund wieso alte Schriften niemals wortwörtlich, aber auch nicht immer sinnbildlich verwendet werden dürfen. Solange Autor*innen leben, kann man mit diesen noch in Austausch treten, ob man sie richtig verstanden hat bzw. können diese Fehlinterpretationen ihrer Leser*innen noch korrigieren. Doch, wenn die Urheber*innen der Texte irgendwann einmal versterben, schwebt die Interpretationshoheit im Raum herum und keiner wird mehr so recht sagen können, was denn einer damals damit gemeint hat. So werden alte Texte instrumentalisiert für die Zwecke der Gegenwart.

Was Schriften geben können und was nicht

Am Ende kann man von gelesenen Texte wohl nur eines mitnehmen: das Gefühl und die Gedanken, die diese in einem auslösen. Diese kann einem keiner nehmen und diese sind auch niemals falsch. Jede Empfindung ist immer richtig - wie man damit dann aber umgeht, ist ein anderes Kapitel.

Aus Texten kann aber keine Wahrheit entstehen. Die Wahrheit liegt in der Welt, so wie sie jetzt in diesem Moment ist und nicht, wie sie in dem Moment war, als jemand sie in schriftlicher oder sonstiger Form festgehalten hat. Die einzige Wahrheit die Texte wirklich enthalten, ist die Wahrheit der Schriftsteller*innen über sie selbst. Das sollten wir nicht vergessen.

Die große ganze Wahrheit, das müssen wir uns vielleicht auch eingestehen, kann nicht erfasst werden, kann nicht in Textbausteine gegossen werden und in einem Buch repliziert werden. Das Wunder der Welt, das Staunen, das Unverständnis über sich, das Leben und über alles Sein ist es, das im Ursprung des Schreibens liegt und das antreibt, es weiter zu tun und diese Staunen und dieses Wundern auch weiter zu tragen.

Alles ist stets in Veränderung.
Das Schreiben und Lesen gibt Halt im Moment.
Ein Moment, der nur wertvoll sein kann, wenn wir ihn auch wieder loslassen können.


foto: Art Lasovsky auf Unsplash