Was können wir Menschen daraus lernen, wenn Maschinen Weltmeister in verschiedensten Spielkategorien überbieten? AlphaGo ist eine Maschine davon. Und Go das dazugehörige Spiel. Während es bei Schach für heutige Computerleistungen ein Kinderspiel ist, alle möglichen Züge vorauszuberechnen und sich dann für den besten davon zu entscheiden, sieht das bei dem aus China stammenden Go ganz anders aus. Hier gibt es so viele mögliche Spielzüge wie Atome im gesamten Universum.

Kein Computer und nicht einmal alle Computer der Welt zusammen könnten das zustande bringen. Trotzdem gewann AlphaGo gegen die südkoreanische Go-Legende Lee Sedol — und das nicht nur einmal.

Doch wie ist das überhaupt möglich und welche Erkenntnisse für unser tägliches Leben können wir daraus gewinnen?

Lernende Maschinen

AlphaGo ist eine von Google entwickelte Maschine mit künstlicher Intelligenz. Ein Stück Software, das lernen kann. Das geht? Ja. Wie man sich das in etwa vorstellen kann, versuche ich nun vereinfacht zu erklären:

Der Software werden die Spielregeln einprogrammiert, sprich welche Züge sie ausführen darf. Zu Beginn verfügt das Programm natürlich über keinerlei Erfahrungen und so wirken die ersten Spielversuche teils ziemlich erbärmlich. Am Ende eines Durchgangs erhält die Software ein Feedback: Sieg oder Niederlage. Je nach Ergebnis ist der interne Algorithmus dafür ausgelegt, sich erfolgreiche Spielzüge zu merken und Züge, die zum Scheitern führten, zu vergessen.

Und das soll eine bahnbrechende Technologie sein? Erinnert wohl eher an ein Kleinkind, dem man versucht ein neues Spiel beizubringen. Doch genau so funktioniert das auch. Der einzige Unterschied ist, so ein Programm benötigt nichts weiter als einen Computer. Es kann also Tage und Nächte, sogar mehrere Wochen ununterbrochen Spielerfahrung sammeln und das aufgrund der Rechenleistung auch noch viel, viel schneller als ein Mensch je dazu in der Lage wäre.

Zudem ist es möglich, dass das Programm von bereits gespielten Duellen lernen kann, indem man der Maschine diese Spiele in eine computerverständliche Form übersetzt. Aus diesen kann die Software wiederrum schließen, welche Züge wie erfolgreich waren.

Eine weitere Möglichkeit, wie so eine Maschine Erfahrung gewinnen kann, ist durch sich selbst. Sie spielt also gegen eine Kopie von sich und dass auch gleich mehrere hunderttausende Male.

So wurde AlphaGo trainiert. Bis es zu einem finalen Showdown um den Beweis der erlernten Fähigkeiten mit der südkoreanischen Go-Legende Lee Sedol kam.

Die Maschine denkt neu

AlphaGo gewann mit 4:1. In manchen Situationen wussten ihre Entwickler selbst nicht so genau, was ihre Maschine mit ihren Spielzügen eigentlich plante. Am Ende überraschte sie alle. Doch was genau hat uns AlphaGo offenbart?

Diese Maschine hat uns neue Möglichkeiten vorgezeigt. Züge, die noch nie so gespielt wurden, obwohl sie für Menschen immer möglich gewesen wären. An diese wurde nie gedacht.

Mit der Tradition des Go-Spielens haben sich bestimmte Spielweisen durchgesetzt, die von neuen Spielern ohne viel zu hinterfragen übernommen wurden. Soziale Normen bürgerten sich ein, wie z.B., dass ein gewisser Stein in einer bestimmten Runde so nicht zu setzen ist. Das entspricht einer Form von äußerer Autorität, die sich über das freidenkende Selbst stellt.

AlphaGo ist aufgrund ihrer maschinellen Natur nicht an soziale Normen gebunden und konnte so freier entscheiden, als jene Menschen, die ihre selbstgeschaffenen Hürden nicht überwunden haben.

Einschränkende Glaubenssätze

Die folgende kurze Geschichte verdeutlicht vielleicht noch besser, was die Spielweise von AlphaGo in uns (wieder) aufrütteln sollte.

Hast du dich schon jemals gefragt wie Elefanten gezähmt werden? Damit die Jungtiere nicht weglaufen, bindet man sie mit einem Seil an einem Holzpflock fest, das ihren Bewegungsradius einschränkt. Als kleiner Elefant probieren sie natürlich noch alles aus um diese Begrenzung zu überwinden. Doch das Seil hält sie immer wieder zurück. Sie lernen: da komme ich nicht mehr weg. Das geschieht über die ganze Jugend lang. Gelegentlich überkommt dem pubertierenden Elefanten der Mut und versucht, den Pflock auszureißen. Am Ende bleibt aber alles beim Alten.

Selbst als erwachsene Tiere, die mit Leichtigkeit in der Lage wären den Holzpfahl auszureißen, glauben sie noch immer, dass sie an das Seil gebunden sind. Die Annahme aus ihrer Jugend hat sich derart tief in das eigene Selbstgefühl eingebrannt. Durch diesen, nun nicht mehr zutreffende Glauben, bleiben die Elefanten gefangen. Wir bleiben gefangen. In unseren beschränkten Vorstellungen.

Alles ist möglich

Wir alle wurden in eine uns unbekannte Welt hineingeboren. Als Kinder haben wir die Werte der Eltern, der Gesellschaft und der lokalen Kultur in uns aufgesaugt. In den ersten Lebensjahren hatten wir noch keine Wahl und mussten die Dinge so hinnehmen, wie sie uns gezeigt wurden. Doch mit dem Erwachsenwerden bekommt man diese Wahl wieder. Wäre es nicht sinnvoll, hin und wieder den aktuellen Stand der Dinge zu hinterfragen und ob wir nicht auch irgendwo noch nach einem Glaubenssatz leben, der heute nicht mehr auf uns zutrifft?

Menschen können jederzeit alles sein. Wir werden als Blaupause geboren und von der Umwelt geformt. Denken wir uns ein Baby aus der Steinzeit und ein Baby aus dem 21.Jahrhundert als genetisch ident. Der einzige Unterschied im Erwachsenenalter würde sich dann auf das andere Umfeld zurückführen lassen. Wir machen ein gedankliche Zeitreise und tauschen die beiden aus. Das Steinzeitbaby würde genauso zu einem Teil der Generation Smartphone werden, wie das moderne Baby Teil der Steinzeitgemeinschaft.

So bestimmen anfangs Eltern, Gesellschaft und Kultur die eigenen Werte und Verhaltensweisen.

Wir Menschen können jederzeit alles sein. Das kann man nicht oft genug sagen. Wir sind die einzigen Tiere auf diesem Planeten, die die Fähigkeit besitzen, ihr Verhalten und ihre Sichtweise jederzeit ändern zu können. Warum machen wir davon so wenig Gebrauch? Wieso wehren wir uns so vehement gegen jegliche Veränderung? Wieso wollen wir an so vielen Dingen festhalten?

Die Welt befindet sich stets im Wandel. Je länger wir an etwas festhalten, umso größer wird das Leid, wenn wir dann früher oder später dazu gezwungen werden loszulassen. Alles ist vergänglich.

Alles kann immer anders sein

Nur, weil von Go-Generation zu Go-Generation gewisse Spielzüge so und nicht anders gespielt wurden, bedeutet das nicht, dass diese auch tatsächlich die besten Züge sind.

Nur, weil von Generation zu Generation gewisse Verhaltensweisen und Wertvorstellungen von Eltern, Gesellschaft oder Kultur mitgegeben wurden, bedeutet das nicht, dass diese auch für einen selbst die besten sind.

Wir sollten uns jederzeit erlauben, all unsere Annahmen, die wir über etwas, über uns oder gar die ganze Welt haben zu hinterfragen.

Wir sollten uns jederzeit erlauben, uns zu öffnen für neue Wege und Erfahrungen.

Wir sollten uns jederzeit erlauben, uns nicht einschränken zu lassen auf das, was bisher alles geschehen ist und für möglich gehalten wurde.

Wir sollten uns jederzeit erlauben, die Verantwortung selbst in die Hand zu nehmen, das Unmögliche zu glauben, darauf zu vertrauen und so die Zukunft nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Die einzige Person, die uns dabei im Weg steht, sind wir selbst.


Falls du mehr über das Spiel zwischen AlphaGo und Lee Sedol erfahren möchtest, kann ich dir die Doku “AlphaGo” (auf Netflix) sehr ans Herz legen.

  1. Foto: Redd Angelo - Unsplash
  2. Foto: Dmitry Ratushny - Unsplash

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