Eine Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken, aber auch ein Gang in eine gut befüllte Bibliothek werfen bei einer gezielten Fragestellung mehr für eine weitere Untersuchung interessante Bücher und Artikel auf als in einem ganzen Menschenleben je zu überfliegen möglich wäre.

Diese Erkenntnis schlägt mich förmlich. Wenn es nicht möglich ist all das angesammelte Wissen der Menschheit als einzelner Mensch nicht einmal ansatzweise zu überblicken, welchen Sinn hat diese Ansammlung dann? Was ist überhaupt der Zweck von Wissenschaft und ist sie überhaupt nötig für ein »gutes« Leben? Ist die Wissenschaft heute vielleicht nur die Weiterführung und Endkonsequenz der menschlichen Kommunikation untereinander?

Persönliches I

Seit ich mit der Methodik des wissenschaftlichen Arbeitens im Rahmen meines Sozialwirtschaftsstudiums in Berührung bekommen bin, wird das Wort Wissenschaft bei mir mit Bauchweh begleitet. Schon in der Einführungslehrveranstaltung war mir der Zugang der Recherche über die riesige Anzahl von wissenschaftlichen Datenbanken suspekt. Trotzdem habe ich damals gehofft mit diesen Werkzeugen auch Antworten auf selbstgestellte philosophisch anmutende Fragen finden zu können.

Bei meiner ersten wissenschaftlichen Arbeit, einer Seminararbeit im Fach Soziologie, kamen die nächsten Bedenken auf. Es betraf das Thema Zitieren. Ich fühlte mich einerseits unsicher dabei, eigene Gedanken in so einer Textsorte zu verschriftlichen und Argumente mit schon geschriebenen Texten, also Zitaten, zu untermauern; als würde ich nur verwenden können, was bereits geschrieben wurde und falls mir selbst ein Gedanke einfiel, solle ich zuerst überprüfen, ob diesen nicht schon ein anderer vor mir gehabt hatte.

Andererseits führte das Gedankenmachen über die Vorgehensweise der Wissenschaften zu einer Erkenntnis, dass Wissenschaft – im Idealfall – eigentlich nur ein sehr vorsichtiges Formulieren und Annähern an die Wahrheit ist. Und wer kann schon näher an der Wahrheit in einem bestimmten Bereich sein als ein studierter Mensch, der sein Leben genau diesem bestimmten Bereich gewidmet hat.

Meine (über die Uni) unbefriedigte Neugier und mein Wissensdurst führten mich in meiner Freizeit zu immer mehr Literatur aus verschiedensten Bereichen. Dabei ging es mir nie um einen Blick in die Tiefen der Materie, sondern um das Erkennen und Verstehen grundlegender Prinzipien, die womöglich auch disziplinübergreifend Anknüpfungspunkte finden. Auch hier säten sich gelegentlich immer wieder Zweifel über den Sinn dieser Tätigkeit. Bin ich in ein Thema eingetaucht, streife ich schon wieder das nächste Fachgebiet; dann ist plötzlich die Geschichte und die Vorgeschichte der Geschichte beobachtungswert. Am Ende wünschte ich mir den Inhalt bestimmter Bücher einfach in mein Gehirn herunterzuladen. Für mich war das Erreichen dieses Zustands kein gutes Zeichen. Die Frage beschäftigt mich heute noch immer wieder.

Was zählt im Leben: das Wissen, die Weisheit, der Moment, oder ganz was anderes? Einer der zentralen Sätze der letzten Monate war für mich »Wissen stellt Tatsachen fest. Glauben schafft Tatsachen.« Diesen Spruch interpretierte ich so, dass das Handeln im Moment der entscheidende Faktor im Leben ist und die Wissenschaft erst einen Moment danach (im günstigsten aller Fälle) versucht diese Handlung in ihr Weltsystem einzuordnen.

Kurz: die Handlung kommt vor der (wissenschaftlichen) Sinngebung. Betrachten wir den Sinn, die Einordnung des eigenen Handelns, ganz allgemein, so geht einer bestimmten Handlung auch ein bestimmter Sinn, der mit dieser Handlung einhergehen soll, ein bestimmtes Weltbild einher, was sich mit Erfahrung dieser Handlung aber wieder verändern kann.
Sinn vorher -> Handlung -> Erfahrung -> Sinn nachher

Was macht Wissenschaft

Was ist eigentlich Wissenschaft? Der deutsche Begriff scheint die Definition schon in sich zu tragen: Wissen zu schaffen. Schaffen deutet auf ein Schöpfen bzw. Herstellen hin, also auf ein Schaffen aus dem Nichts. Andere Interpretationen zum Thema Wissen meinen, man schafft Wissen gar nicht bzw. man lernt nichts Neues dazu, sondern erinnert sich lediglich wieder an das vergessene Wissen. Das englische science stammt aus dem Lateinischen sciens, was soviel wie zu wissen, verstehen oder bewusst sein bedeutet und der eigentlichen Tätigkeit wohl näher kommt als der deutsche Ausdruck.

Andererseits könnte man Wissenschaft natürlich auch als Weitergabe von Erfahrungen über Zeitgrenzen – also über Generationen hinweg – betrachten. Hier könnte man schon die erste Sinnfrage stellen. Inwieweit sind Erfahrungen, losgelöst aus dem zeitlichen, aber auch persönlichen Kontext ihres »Schöpfers« hilfreich?

Welches Kind hört schon auf die Ratschläge seiner Eltern, die es nur gut gemeint haben, um das Kind nicht die eigenen Fehler wiederholen zu lassen. Braucht es aber vielleicht doch einfach die Lernerfahrung am eigenen Leib? Wird ein Mensch erst dann verstehen, dass eine rot-glühende Herdplatte heiß und somit schmerzhaft ist, wenn er diese Erfahrung selbst gemacht hat oder unmittelbar bei jemandem beobachtet hat, selbst wenn zuvor Mitmenschen darauf bereits immer wieder hingewiesen haben?

Andererseits kann es natürlich hilfreich sein besonders auf schmerzvoll gemachte Erfahrungen anderer zurückgreifen zu können und diese somit nicht erneut begehen zu müssen. Allerdings scheitert die Kommunikation dieser Erfahrung oft am Sinn und am Warum dahinter. Und auch nicht jede erzählte Erfahrung kann die eigene Erfahrung ersetzen.

Die nächste Frage folgt auch direkt, denn soll überhaupt die Erfahrung aus vorigen Generationen mitgetragen werden? Besteht nicht auch die Gefahr, dass die zu konsequent verfolgte Weitergabe von Erfahrungen sich nicht vielleicht über die anfangs grenzenlose Weltneugier von Kindern stülpen und ihnen so eigene Erfahrungen und besonders auch die eigene Interpretation von diesen verwehrt bleiben?

Vielleicht braucht eine wandelnde Welt auch diese gewisse Erfahrungsdynamik anstatt einer statischen Vorgabe, welche Erfahrungen zu machen sind bzw. welche Erfahrungen übermittelt werden sollen. Denn welche Erfahrungen gemacht oder eben nicht gemacht werden formt wiederrum den Menschen. Gleiche Erfahrung gibt es natürlich nicht, da auch der Mensch, der sie erfährt, nicht einem anderen gleicht und demnach werden gleiche Ereignisse wohl unterschiedliche Erfahrungen liefern, doch eine gewisse statische Tendenz wird wohl sicher beobachtbar sein.

Und ist Wissenschaft nicht ein großartiges Beispiel dafür, eine bestimmte Art die Welt zu sehen aufgeteilt in die verschiedensten Disziplinen über mehrere Generationen hinweg starr weiterzudenken und -zuführen? Wäre es nicht förderliche die nachfolgenden Generationen selbst entscheiden zu lassen, wie sie die Welt sehen und ihnen die Autonomie zuzusprechen, auszuwählen worauf sie in dieser Welt ihre Aufmerksamkeit legen wollen?

Würde Wissenschaft dann gar nicht in so eine verwirrte Tiefe fallen, da jede Generation womöglich von Neu anfängt? Wobei von Neu vermutlich zu hart gesehen wäre, natürlich wird man hier und da Ansätze von früheren Generationen aufgreifen wollen, aber nicht mehr, weil diese weitergeführt werden müssen, sondern weil die jetzige Situation sie genau dort hingeführt hat.

Das Ziel der Wissenschaft

Der Mensch hat sich wohl schon immer Fragen über seine Herkunft und über die Welt, in der er lebt, gestellt. Mögen Antworten auf diese Fragen früher womöglich über Mythen transportiert worden sein, so ist heute eine ganz andere Modalität angesagt. Entstammend aus den Ideen der Aufklärung, den Rationalismus und den Empirismus, wurde einerseits der (rationale) Intellekt bis ins Unermessliche hoch bewertet und andererseits nur mehr jene Dinge ernst genommen, die messbar sind.

Neben dem großen Ziel der Wahrheit immer näher zu kommen, entwickelten sich auch die Technologien, die Werkzeuge der Menschen, in einem immer schnelleren Tempo weiter. Immer feinere Werkzeuge liefern immer feinere Ergebnisse, aus deren Erforschung wiederrum feinere Werkzeuge entstehen.

Persönliches II

Hier ist es wieder an der Zeit mich selbst einzuklinken. Durch die hier geführten Gedankenzüge kommt auch mir manchmal der Gedanke, wozu überhaupt soviel Wissen anzueignen. Am Ende lande ich dann bei spirituellen bzw. religiösen Weisheiten und Schriften. Andererseits auch bei Literatur, auf die ich im Moment stoße und die mich aus dem Jetzt heraus auf gewisse Gedanken früherer Menschen aufmerksam macht und denen ich mich dann auch öffne.

Mich plagt der Gedanke mich dabei zu verlieren, also zu sehr in Gedanken zu schwelgen und dabei das Handeln zu vergessen. Eine Forschungsfrage oder ein Thema auszuarbeiten scheint für mich manchmal aus einem Perfektionismus heraus zu erfordern, sämtliche Schriften zu diesem Thema zu durchforsten, die Gedankengänge und Zugänge früherer Denker*innen zu durchforsten und das, was überbleibt mit meinem persönlichen Senf auszufüllen. Eine Meinung soll gut recherchiert sein und nicht ein altes Argument bereits wiederholen, man kennt es ja anscheinend bereits. Doch was bringt dieses Argumentieren auf Vergangenes? Erstens zählt für mich nur die Auswirkung im Jetzt. Es ist egal, wer was wann gesagt hat und ob man dies zitiert.

Führt eine Abfolge von Wörtern zu einem förderlichen, sich weiterentwickelten Zustand, dann scheint diese Abfolge erfolgreich gewesen zu sein. Diese Abfolge von Wörtern mithilfe vergangener Studien, die man weder selbst durchgeführt hat noch in ihrem Wesen verstanden hat versuchen abzutun, ist eines der destruktiven Nebeneffekte eines Szientismus, einer übertrieben praktizierten Form der Wissenschaft. Vielleicht ist genau diese Bedingung zum ausführlichen Recherchieren der Grund, warum ich Anfang des Jahres auf das Schreiben von Gedichten umgesattelt bin. Ehrlich gesagt vollziehe ich meine Gedankengänge aber doch lieber - wie gerade auch - in Aufsatzform.

Was bringt es uns am Ende alles zu wissen? Würden wir, wie Alan Watts beschreibt, dann das Spiel des Lebens und damit des Unwissens aus Langeweile freiwillig wieder von vorne beginnen? Bleibt die große Frage nach der Kontrollsucht (Kontrollsuche) und des Ordnungswahns des Menschen unbeantwortet?

Wenn wir alles wissen würden, wüssten wir allerdings auch das. Wenn wir das Warum wüssten, würden wir damit dann auch aufhören? Ist der Mensch als vermeintlich unbegrenzt lernfähiges Wesen überhaupt vollständig begreifbar? Was passiert, wenn wir unser Gehirn erforscht haben und es selbst kontrollieren können? Was können wir überhaupt wissen? Am Ende landen wir bei dieser Frage.

Die Frage, was wir wissen können, ist eine wichtige. Sie schafft das Bewusstsein über die Grenzen zwischen dem Wissen und dem Nicht-Wissen. Sie schafft Bewusstsein, dass auch Wissenschaftler*innen in ihrem Intellekt nicht erhabener sind als jeder andere Mensch. Man kann eben nur wissen, was man wissen kann.

Nur weil die Wissenschaft konsequenter und systematischer Fragen stellt, bedeutet das nicht automatisch, dass sie auch mehr Wahrheiten erkennt.

Das ewige Fragen

Buddha verdeutlicht die dargestellte Problemstellung des endlosen Hinterfragens in dem Gleichnis des vergifteten Pfeils.

Ein Mann wurde von einem vergifteten Pfeil getroffen, sogleich rieten ihm seine Weggefährten einen Arzt zu rufen. Langsam sterbend weigerte dieser sich aber. Der Arzt möge erst kommen, wenn er weiß, welche Art von Pfeil ihn getroffen hat, welcher Typ Mensch diesen abgefeuert war, aus welcher Kaste dieser stammt, welches Material der Bogen kleidete und noch vieles mehr. Die Antworten bekam er nicht mehr, da er starb.

Was Buddha uns hier mitteilt ist, dass das einzige, dem wir gewiss sein können, die Geburt, der Tod und das Leiden dazwischen ist. Alles andere ist lebensraubende Spekulation. Dieses Bewusstsein über das eigene Wissen und über das eigene Unwissen ist genau das, was meines Erachtens der heutigen Welt fehlt.

Die Wissenschaft selbst lebt zwar nach dem Prinzip der Falsifizierung, also dass jede neue Theorie widerlegbar sein muss. Man geht also davon aus, dass jede gefundene Erkenntnis, nur temporär bis zur nächsten gefundenen Erkenntnis gelten wird. Doch bei der Wissenschaftskommunikation versagt dieses Prinzip vollkommen.

Kein*e Wissenschaftler*in präsentiert neue Forschungsergebnisse mit dem Beiwort, diese haben Messungen ergeben, was das wirklich bedeutet wissen wir nicht ganz, aber wir vermuten jenes. Dies wird Gültigkeit bis zur nächsten Runde der Wissenschaftsiteration behalten und vielleicht stellt sich am Ende doch heraus, es war Blödsinn.

Zu kommunizieren was man weiß und was man nicht weiß, was zuvor natürlich das Bewusstsein darüber voraussetzt, könnte einer der Wegweiser für ein illusionsfreie Welt sein.

Wir brauchen keine Welt der Fakten.

Wir brauchen eine Welt der Beziehung zwischen Fakten und Nicht-Fakten.


Danke für deine Zeit!

Hinterlass mir doch deine Emotion, deinen Kommentar oder teile deine Gedanken zu diesem Thema mit mir per Mail. Besonders, wenn du ganz andere Ansichten dazu hast.

Titelbild: Matthew Schwartz auf Unsplash