In öffentlichen Verkehrsmitteln sind Sitzplätze knappe Güter, die noch dazu anarchisch verteilt werden. Ein schönes Beispiel um den menschlichen Gerechtigkeitssinn zu untersuchen.

Grundsätzlich gegen die Verwendung dieses Beispiels spricht vielleicht die Tatsache, dass Menschen eine gerechte Sitzplatzsituation nicht für so wichtig halten wie z.B. eine sozial, monetäre oder chancenmäßige Gerechtigkeit. Trotzdem will ich hier den Versuch wagen; er könnte schließlich zu erstaunlichen Ergebnissen führen, da auch eine spontane, unüberlegte Reaktion etwas über den Mensch an sich aussagen kann.

Die Sitzplatzsituation

Es gibt ein begrenztes Sitzplatzangebot und Menschen, die gerne sitzen würden. Ist ein Platz frei, wird er besetzt. Hochbegehrt sind vor allem Fensterplätze, gerade wenn man darin die Möglichkeit sieht, ganz alleine sitzen zu können. Die Begierde sinkt, falls man an einer anderen Person, die nicht am Fensterplatz sitzt, sondern am Sitz am Gang, vorbei und sie vielleicht sogar ansprechen müsste. Bereits hier würde sich wohl beobachten lassen, dass Menschen lieber vorziehen einen Stehplatz einzunehmen, als die soziale Interaktion zu wagen.

Spinnen wir die Situation weiter. Alle Sitzplätze sind belegt und neue sitzwillige Mitmenschen treten in die öffentliche Sphäre des Verkehrsmittels ein. Soll sich die Verteilung ändern? Haben jene, die zuvor die begrenzten Sitzplätze für sich beansprucht haben weiterhin das Recht zu sitzen? Das erinnert an eine Erbgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der der Erste der besetzt auch besitzt. Wo für Sitzplatzgierige dann der Drang entsteht sich vorzudrängeln. Wo entweder Egozentrik - ich muss mir meinen Platz erkämpfen - oder Gleichgültigkeit - ich akzeptiere das bestehende System - vorherrscht. Das dürften wohl nur die wenigsten als gerecht empfinden. Um das zu klären, reicht ein extremes Beispiel, nämlich die Vorstellung einer extrem gebrechlichen Person, der natürlich ein Sitzplatz angeboten wird und vermutlich auch werden soll.

Doch sind gebrechliche Personen die einzigen, denen ein Sitzplatz angeboten werden soll? Und wie soll man diese schlussendlich auch erkennen? Sollen die Sitzplatzbedürftigen ihr Begehren aussprechen? Aber wem sollen sie ihr Anliegen entgegen bringen? Entweder Sitzplatzbesitzer bieten nach äußerlichen oder gefühlsmäßigen Gesichtspunkten ausgewählten Personen ihren Platz an oder Sitzplatzbedürftige bitten nach äußerlichen oder gefühlsmäßigen Gesichtspunkten ausgewählten Personen um ihren Platz. Wer soll zuerst fragen?

Wer fragt zuerst?

Ist es einfacher eine stehende Person nach ihrer Sitzplatzbedürftigkeit zu bewerten oder eine sitzende Person nach ihrer Stehfähigkeit? Meist können Personen, die in der Lage sind zu stehen auch sitzen, während Personen, die nur fähig sind zu sitzen, schwer stehen können. Somit sind also stehende Personen mit Sitzplatzbedarf leichter zu erkennen als sitzende Personen ohne Sitzplatzbedarf.

Von was reden wir da gerade? Sitzen, wie stehen sind eigentlich keine natürlichen Körperhaltungen des Menschen. Es sind künstliche, durch moderne Zivilisation und Kultur geschaffene Zustände, die zwangsmäßig eingenommen werden müssen, da in öffentlichen Verkehrsmitteln kein Platz für Spaziergänge vorgesehen ist und (öffentliche) Verkehrsmittel überhaupt notwendig geworden sind, da die Welt immer schneller miteinander verkehren möchte.
Beschränken wir uns in diesem Beispiel also lediglich auf die Tatsache der Verteilung von knappen Gütern in anarchischen Umständen, wie sie in einem öffentlichen Verkehrsmittel stattfinden. Anarchisch deshalb, da es kein Regelwerk und keine Autorität gibt, die die Sitzplatzverteilung bestimmt.

Grundsätzlich herrscht eine Tendenz vor - vermutlich aufgrund sozialer Konditionierung -, dass man älteren Menschen den Platz höflicherweise anbietet. Entsprechend dazu wird ein Nichtanbieten des Platzes, vor allem wenn man noch jüngeren Alters ist, sozial auch sanktioniert. Doch was ist mit Sitzplatzbedürftigen wie jemand mit einem schweren Einkauf oder auch einfach nur jemand, der den Platz einfach dringender braucht, auch wenn nur um eine Spur mehr als jemand, der sich zurzeit Sitzplatzbesitzer nennen darf?

Natürlich muss man zugeben, je geringer dieser Bedarfsunterscheid ausfällt, desto weniger häufig wird hier ein Austausch stattfinden. Im Gegensatz, je extremer dieser Unterschied wird, desto wahrscheinlicher wechselt das Gut den Besitzer. Das dürfte unter anderem auch daran liegen, dass es für beide Seiten einen einfach wahrnehmbaren Konsens gibt. Der Sitzplatzbesitzer erkennt hier am einfachsten den Sitzplatzbedürftigen und der Sitzplatzbedürftige am einfachsten den geeignetsten Sitzplatzbesitzer. Doch was ist abseits dieser Extrempositionen, also in der Realität?

Die Auflösung

Wenn das Wahrnehmen von Sitzplatzbedürftigen einfacher ist als das Wahrnehmen von geeigneten Sitzplatzbesitzern, dann folgt, dass zuallererst die Besitzer die Pflicht haben ihre Umgebung zu prüfen. Gibt es jemanden, der den Platz wirklich dringender brauchen könnte und sehe ich vielleicht einen anderen Sitzplatzbesitzer, der ebenso aufmerksam nach einem Sitzplatzbedarf achtet und wohl auch den eigenen Platz anbieten könnte?

Gleichzeitig sind die Bedürftigen in der Pflicht ihren Bedarf auch darzustellen, natürlich nicht zu übertrieben, da das ansonsten als Schauspielerei zum eigenen Zweck und damit als Lüge und Betrug wahrgenommen werden könnte. Also einfach nur offen darzustellen und die Bedürftigkeit nicht unnötig, weil beschämend, zu verbergen. Und sind die Sitzplatzbesitzer in jenem Moment unaufmerksam, so gilt es auch sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, sei es durch eine allgemeine Bitte um einen Sitzplatz, zu sich oder zu einem bestimmten Sitzplatzbesitzer gesprochen, irgendjemand würde sich schon finden lassen.

Ein Hindernis bleibt noch bestehen. Der egozentrische Gedanke des Sitzplatzbesitzers, warum er denn selbst aufstehen sollte, wenn doch jemand vor ihm sitzt, der viel eher aufstehen könnte. Wie gesagt, ein egozentrischer Gedanke. Der Bedarfsunterscheid zu den beiden konkurrierenden Sitzplatzbesitzern ist weit geringer als der zu dem Sitzplatzbedürftigen, deshalb spielt es keine Rolle, wer den Platz anbietet. In einem nächsten Verhandlungsschritt kann natürlich ein neuerlicher Sitzplatzaustausch stattfinden, wenn der ehemalige Sitzplatzbesitzer sich als Stehender nun auch als bedürftig erweist.

Die Essenz daraus

Was nehmen wir uns also aus diesem Gedankenspiel mit?

Die Fähigkeit die eigene Situation mit der von anderen vergleichen zukönnen: Empathie und Mitgefühl.

Das Vertrauen in andere Menschen. Auf der einen Seite, dass diese in der Lage wären ihren Bedarf auch offen ansprechen zu können, aber auch auf der andere Seite, dass der eigene Bedarf auch ernst genommen und nicht geächtet wird.

Schlussendlich funktioniert auch all das nicht, wenn man seine Aufmerksamkeit nicht auch mal für einen kurzen Moment von sich selbst lösen kann und sich gelegentlich auch die (soziale) Umgebung ins Bewusstsein holt. Wobei das selbst ein Egozentriker tut, einfach nur um abzuklären, ob in der unmittelbaren Nähe eine Gefahr für die eigene Existenz bestehen würde. Die Aufmerksamkeit wäre also schon vorhanden. Und wenn nicht, dann kann das nur bedeuten, dass bereits das Vertrauen in andere Menschen, sie seien keine Gefahr, existiert. Dann gilt es nur daran anzuknüpfen und aus dieser Wahrnehmung die hier gedanklich erarbeitete soziale Erkenntnis abzuleiten.

Eine berechenbare Gerechtigkeit gibt es nicht und lässt sich auch nicht herleiten. Den Mensch oder dessen Bedürftigkeit in eine Zahl zu gießen halte ich für ausgeschlossen. Nicht jede Qualität ist quantitativ erfassbar.

Gerechtigkeit entsteht durch ein Verhandeln der Empfindungen, das nur vonstatten gehen kann, wenn man diese erfolgreich wahrnehmen, zulassen und aussprechen (bzw. ganz allgemein kommunizieren) kann.

Solange diese notwendigen Qualitäten unentwickelt bleiben, ist immer eine andere Entscheidungshoheit hinzuzuziehen. Eine anarchische Organisation, wenn sie funktionieren will, muss auf diesem Empfindungsverhandeln aufbauen.


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Foto: Pau Casals auf Unsplash