Schließe deine Augen und versuche für 30 Sekunden nichts zu denken. Und geschafft? Wenn ja, dann verleihe ich dir hiermit den Titel des Buddha. Wenn dir doch der eine oder andere Gedanke dazwischen gefunkt hat, fragst du dich vielleicht, was das nun bedeutet, wenn dir Gedanken einfach so in den Sinn ploppen, ohne dass du es willst? Der Schluss ist ganz einfach: Du bist nicht das, was du denkst. Du bist nicht deine Gedanken.

Was sind die Gedanken denn dann, wenn nicht ein Teil von dir selbst?

Sowie du auch einen Körper hast, hast du auch Gedanken.
Was, mein Körper bin ich auch nicht? Ja. Und falls du daran zweifelst, hier eine kurze Anekdote dazu:

Nun könnte dir schon vorschweben, wie es sein kann, dass du nicht dein Körper bist, sondern noch irgendetwas darüber, dahinter oder wo auch immer das auch dann sein mag. Doch das ist auch nicht Thema dieses Textes und darf daher gern auf philosophische Gedankenspiele unter der Dusche verlegt werden.

In diesem Text geht es um das Denken. Denken tun wir Menschen nicht nur ganz automatisch, sondern können es auch gezielt einsetzen um Probleme zu lösen. Denken kann also auch ein Werkzeug sein. Wie so oft kommt es aber immer darauf an, wie so ein Werkzeug dann auch eingesetzt wird.

Sowie eine gezielte Nutzung von Smartphones helfen kann, den Alltag zu erleichtern oder einfacher mit Bekannten und Fremden in Kontakt zu kommen, so kann das Smartphone uns auch zum Sklaven machen, indem es uns zwingt endlos durchzuscrollen und uns nicht auf den Gedanken kommen lässt, das Gerät kurz aus der Hand zu legen. Dasselbe gilt auch für das Denken. Entweder wir lassen uns beherrschen oder wir lassen das Denken für uns arbeiten.

Das würdest du doch merken, wenn dich deine Gedanken beherrschen würde, oder? Wenn du das glaubst, möchte ich dir einige Beispiele nennen, wo dich dein Denken in den Zügeln hält.

Dein Denken sucht sich aus deiner Wahrnehmung immer genau das, was zu deinem inneren Bild dazupasst und ignoriert großteils das, was dem entgegen steht. Diese inneren Bilder können alles mögliche sein:

Meinungen. Wenn du von einem bestimmten Glauben überzeugt bist, z.B. dass man sich auf der Straße nur mehr unsicher fühlen kann, dann wirst du automatisch deutlich mehr Nachrichten und Geschichten wahrnehmen, die deinen Glauben bestätigen, als solche, die deinen Glauben anzweifeln.

Bei diesem konkreten Beispiel ist es natürlich auch so, dass Medien hauptsächlich "schlechte" Nachrichten bringen und es so auch schwerer machen diesen Glauben zu hinterfragen.

Und natürlich will ich damit nicht sagen, dass man sich nicht unsicher fühlen darf. Auf keinen Fall! Jedoch habe ich das Gefühl, dass dieses Empfinden durch diesen oben beschriebenen Effekt einfach extrem aufgebauscht wird.

Glaubenssätze. Zum Glauben gehören auch Glaubenssätze, die uns selbst vielleicht schon bewusst sind, oder auch noch teils unterbewusst ablaufen. Sätze wie z.B.
"Ich bin nicht gut genug.",
"Ich kann das nicht.",
"In meinem Leben läuft immer alles schief.",
"Ich kann nichts für mein Verhalten, mein Umfeld (Beruf, Freunde, Eltern) ist schuld."
Auch hier nimmt das Denken dann großteils jene Geschehnisse wahr bzw. speichert jene im Gedächtnis ab, die diese Sätze bestätigen. Denn, was das Denken gar nicht mag, sind widersprüchliche Aussagen, es möchte Ordnung. Eine Ordnung, die aber in der chaotischen Welt da draußen nicht existiert.

Wissenschaftliche Modelle. Glaubenssätze können natürlich auch in der Wissenschaft vorkommen. Auch hochbetitelte Doktoren sind nur Menschen, die an irgendetwas glauben. Modelle sind Vereinfachungen der Wirklichkeit und ermöglichen es, einen Aspekt der Realität herauszupicken und darzustellen. Ein Beispiel wäre das Atommodell von Bohr, in dem in der Mitte der Atomkern sitzt und sich rundherum die Elektronen in Kreisen bewegen.

Oder auch das Angebot-Nachfrage Modell der klassischen Wirtschaft, bei dem das überaus komplexe wirtschaftliche System auf vermeintlich gierige Nutzenmaximierer auf Konsumenten- wie Produzentenseiten aufbaut.

Modelle sind keinesfalls schlecht. Sie helfen gewisse Sachverhalte einer Thematik verständlicher darzustellen. Was sie aber nicht sind, ist eine vollständige Erklärung der Welt.

Wissenschaftler, die sich zu sehr an bestimmte Modelle verhaften, bekommen ebenfalls den oben angeführten Effekt zu spüren. Ihr Denken lenkt sie in eine Richtung, so dass sie ihre Forschungsfragen so stellen, dass sie ihr geglaubtes Modell weiterhin bestätigen, oder sie suchen selbst nach Antworten, die mit dem Modell selbst zu beantworten sind, aber denken nicht an solche Antworten, die außerhalb des Modells liegen könnten.

Vorurteile. Dasselbe gilt natürlich auch für Urteile gegenüber Personen. Denkst du, du kennst eine Person? Das Denken beurteilt schnell aus den ersten Eindrücken heraus. Dabei spielen geglaubte Vorurteile oder gemachte Erfahrungen eine große Rolle. Sicherlich jeder kennt folgende Aussagen: "Du schaust für mich aber nicht wie ein "Ernst" (beliebiger Name) aus." In dem Fall ein Beweis, dass das Denken diesen Widerspruch unangenehm findet. Denn, alle bisher bekannten "Ernste" waren irgendwie ähnlich, glaubt man. Das dürfte dann aber wieder eine Verallgemeinerung sein, die dein Denken für dich vorgenommen hat. Bist du von gewissen Eigenschaften von einer anderen Person überzeugt, z.B. ihre Pünktlichkeit, dann werden dir Situationen eher im Gedächtnis bleiben, in denen diese Annahme bestätigt wird.

Selbsterfüllende Prophezeiung. Was wir wahrnehmen, formt unser Verhalten. Und wie wir uns Verhalten wird wiederum von anderen wahrgenommen, was deren Verhalten bestimmt. Deren Verhalten nehmen wir wieder wahr, und so weiter...

Das wäre ja alles kein Problem, wenn nicht diese oben beschriebenen Effekte auftreten würden, die die eigene Wahrnehmung verzerren. Wir legen unser Verhalten also nicht auf das aus, was wirklich passiert, sondern auf das, was wir uns bei diesem Verhalten gedacht haben.

Und so kann es sein, dass wir z.B. eine Arbeitskollegin aus einem ersten Eindruck heraus als "unkooperativ" abstempeln. Später nehmen wir zwei Situationen wahr. Eine, in der sie sich tatsächlich unkooperativ verhält und eine, in der sich sich kooperativ verhält. Durch das im Vorhinein gelegte "unkooperative" Bild im Kopf, wird die "unkooperative" Situation viel stärker auf uns einwirken als die andere. Diese verzerrte Wahrnehmung dient dann als Grundlage für unser Verhalten und wir arbeiten vielleicht dann nicht mehr mit diesr Kollegin zusammen, was dieser auch die Möglichkeit nimmt, das Gegenteil zu beweisen. Unser Verhalten wird wiederum von der Arbeitskollegin - vermutlich auch verzerrt - wahrgenommen, und sie denkt, dass wir unkooperativ sind, weil wir uns so von ihr distanzieren und so bleibt ihr in ihrem Verhalten nichts anderes übrig, als für sich selbst egoistisch zu arbeiten.

Kurz: Die anfangs falsche Erwartung hat sich durch verzerrte Wahrnehmungen nun doch bewahrheitet: eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Nochmals kurz anhand ein paar Beispielen anschaulich erklärt:

Die Sozialpsychologie hat auch noch weitere Verzerrungseffekte neben der selbsterfüllenden Prophezeiung festgestellt, die in dieser Playlist vom Kanal Empalogics zusammengestellt sind.

Sind wir nun Sklaven unseres Denkens?

Nein, ganz sicher nicht.

All diese Effekte können vermieden werden, in dem man sich diesen Effekten vorerst mal bewusst wird und sie erkennt, wenn sie auftreten. Dann kann man schließlich selbst entscheiden, ob man auf diesen Gedanken vertraut oder eben nicht.

Frei zu denken, also fern von jeglichem Kategoriendenken, wäre das erstrebenswerteste Ziel. Also, dass diese verzerrenden Gedanken schon so verstummt sind, dass man bereits relativ unbefangen in solche Situationen geht. Ich selbst bin davon natürlich auch noch weit entfernt, aber ich habe erkannt, wie sehr mir Achtsamkeit im Alltag und überhaupt das tägliche Meditieren dabei geholfen hat, freier zu denken.

Die falschen Erwartungen, die am Beginn der selbsterfüllenden Prophezeiung stehen können auch ganz einfach durch ein ehrliches und offenes Gespräch korrigiert werden. So wird verhindert, dass die falschen Annahmen Wirklichkeit werden. Das erfordert eben, wie ich schon so oft erwähnt habe, Ehrlichkeit. Daran werden wir in unserer weiteren menschlichen Entwicklung einfach nicht vorbeikommen.

Das Denken, ein nützliches Werkzeug. Doch wie auch bei allen anderen Werkzeugen ist darauf zu achten, wer hier wen benutzt. Das Denken soll für den Menschen dahinter da sein und nicht der Mensch für das Denken.

Das eigene Denken so anzupassen, dass es für einen arbeitet und sich gut anfühlt. Es in Einklang mit Ziel, Sinn und Zweck des eigenen Lebens zu bringen.

Ehrlichkeit und freies Denken sind nicht nur Möglichkeiten, diese verzerrenden Gedanken im Kopf unter Kontrolle zu bekommen, sondern können auch dabei helfen, die Angst vor Veränderung zu nehmen. Freies Denken beinhaltet das bereits: es gibt nichts Festes. Alles ist im Wandel.

Den Abschluss schenke ich einem meiner vielen Lieblingsmenschen: Alan Watts, der über die Bedeutung des stillen Verstands, dem stillen, freien Denken, spricht.


Die anderen Teile der Reihe "Werkzeuge für ein harmonisches Miteinander":

Teil 1: Politik. Von Gewaltenteilung und Kommunikation.

Teil 2: Vertrauen. Menschen haben eine Blockchain bereits in sich.


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Foto:  Nicolas Hoizey - Unsplash

Atommodell: Thalia Inga [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

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