Oft werden wir geplagt von unseren eigenen Selbstzweifeln: Was denken andere über mich? Wie komme ich gut bei dieser Gruppe an? Ich kann das nicht! Diese Gedanken sind vollkommen menschlich und man kann lernen aus ihnen Kraft zu schöpfen. Wie das für mich funktioniert möchte ich im Folgendem zu erklären versuchen.

Kritik der eigenen Gedanken

Gelegentlich trifft einen der Geistesblitz. Es formt sich eine Idee oder eine Vision für die Zukunft im Kopf und man brennt dafür so leidenschaftlich, dass man es sofort anderen weitererzählen möchte. Je radikaler diese Gedanken, umso häufiger fallen die ersten Rückmeldungen dazu negativ aus: Das ist unmöglich. Das wird nichts. Wie willst du das bitte schaffen?
Das kann einen schnell entmutigen. Auf diese Rückmeldungen sollte man aber nicht sofort mit Angriff oder Verteidigung kontern, sondern sie für den Anfang einfach mal so annehmen.

Versuche zu erkennen, dass das, was du im Kopf hast, wirklich nur du im Kopf hast und sonst niemand. Wenn du deine Idee beschreibst, versuchst du deine Gedanken in Schrift oder Sprache mitzuteilen. Das Lesen bzw. Anhören löst aber bei anderen Menschen einfach ein anderes Bild aus..

Das liegt ganz einfach an den unterschiedlichen Erfahrungen und Persönlichkeiten eines jeden einzelnen Menschens. Um also deine Idee wirklich genauso beim Gegenüber ankommen zu lassen, bräuchte es eine Direktverbindung. Indirekt kann man durch Schrift und Sprache zwar viel ausdrücken und bei Bedarf auch die eigene Bedeutung der verwendeten Wörter erklären, aber wie man sicher schon öfter selbst erlebt hat, kann man nicht alles was man im Moment gerade fühlt, auch genauso mitteilen.

Das Konstruktive herausziehen

Ob man dann selbst mit der eingebrachten Kritik des Gegenübers etwas anfangen kann, bleibt letztenendes die eigene Entscheidung. Auf jeden Fall gilt es einmal in die Schuhe des anderen zu schlüpfen und die eigene Vision aus dessen Perspektive zu begutachten. Man selbst ist schließlich auch nicht allwissend und hat durch die eigenen gemachten Erfahrungen und der eigenen Persönlichkeit eine Brille auf, die auch nur bestimmte Ausschnitte der Wahrheit zeigt. Hat man also wirklich Interesse an dem Erfolg der eigenen Idee, dann wäre es mehr als angebracht, sich aus unterschiedlichsten Perspektiven Rückmeldungen einzuholen und daraus das Konstruktive herauszuziehen. Die konstruktiven Teile sind dann z.B. Sichtweisen, an die man selbst einfach nicht gedacht hat. Wie gesagt, nur man selbst hat die eigene Idee vollständig im Kopf. Deshalb kann auch manche Kritik ins Leere greifen. Aber auch allein die Reaktion des Gegenübers auf die Idee kann bereits vieles aufzeigen.

Kritik an einem selbst

Genauso ist es dann auch mit einem selbst. Niemand kennt einen besser als man selbst - genauso wie die eigene Idee nur vollständig im eigenen Kopf ist. Das besagt aber nicht automatisch, dass wir von Haus aus das wahre Bild über uns selbst besitzen. Schließlich verfügt man eben auch nur über eine Perspektive von ganz vielen möglichen.

Warum kennt man sich dann aber selbst am besten, wenn man doch  nur eine Perspektive besitzt?

Der ausschlaggebende Punkt ist, dass man eben nur selbst genau wissen kann (nicht aber automatisch auch tut), was für Gedanken einem zurzeit im Kopf herumschwirren, welche Gefühle sich breit machen und warum man gerade so gehandelt hat und nicht anders. Ein Außenstehender sieht ohne Erklärung nur das Verhalten - mehr nicht - und kann daraus eben leicht falsche Schlüsse ziehen.

Bekommt man irgendwann einmal Kritik über einen selbst, dann gilt dasselbe Prinzip wie bei einer Idee. Man kann dem anderen gar nicht allzu böse sein und diese Kritik zu persönlich nehmen, da diese Person ja nicht das vollständige Bild über einen im Kopf hat und eben nur aus dieser Unvollständigkeit heraus ihre Schlüsse zieht. Vielmehr lernt man aus dieser Kritik die Perspektive der anderen Person, vielleicht aber auch einen Hinweis über einen selbst. Es kann durchaus sein, dass der Kritiker auf ein Verhalten hinweist, das man selbst eigentlich ablegen möchte oder das einem selbst nur einschränkt und das einem bisher nicht aufgefallen ist. An anderen fallen uns widersprüchliche Verhaltensmuster einfach eher auf und wieso sollte man diese Beobachtung nicht teilen (natürlich in einer gesunden Kommunikationsform)? Was dann an einer Kritik dann wirklich Konstruktives dabei ist, kann dann jeder wieder für sich selbst entscheiden.

Die Gefahr von Kritik sollte es also nun nicht mehr sein, die uns hindert, man selbst zu sein.

Was ist aber mit der Angst ausgeschlossen zu werden?

Das impliziert ja, dass man vorher nicht ganz man selbst war und sich verstellt hat. Somit haben andere ein falsches Bild über einen aufgebaut und sich auch auf dieses Bild verlassen, da es auch immer wieder bestätigt wurde. Wenn dann auf einmal deutlich wird, dass die Person nicht mehr so ist, wie sie scheint, wird man im wahrsten Sinne des Wortes enttäuscht - also von der Täuschung befreit. Deshalb macht es Sinn von Beginn an und am besten andauernd sich selbst treu zu sein.

Was ist mit der Angst ungeliebt zu sein?

Dazu müssen wir zuerst ein paar Worte über die Liebe verlieren.

Erich Fromm in "Die Kunst des Liebens" über den Schmerz der Menschen:

"Der Mensch ist mit Vernunft ausgestattet; er ist Leben, das sich seiner selbst bewusst ist. Er besitzt ein Bewusstsein seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Vergangenheit und der Möglichkeiten seiner Zukunft. Dieses Bewusstsein seiner selbst als einer eigenständigen Größe, das Gewahrwerden dessen, dass er eine kurze Lebensspanne vor sich hat, dass er ohne seinen Willen geboren wurde und gegen seinen Willen sterben wird, dass er vor denen, die er liebt, sterben wird (oder sie vor ihm), dass er allein und abgesondert und den Kräften der Natur und der Gesellschaft hilflos ausgeliefert ist – all das macht seine abgesonderte, einsame Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis."

Kurz und knapp: Im Gegensatz zu anderen Tieren sind wir Menschen uns unserer Existenz mit all ihren Folgen wie den Tod auf unsere ausgeprägte Psyche (stärker) bewusst und müssen damit irgendwie klarkommen.

Der Weg aus diesem Gefängnis ist die Liebe.

Fromm über die Liebe:

"Die Fähigkeit sich mit all seinen geistigen, emotionalen und körperlichen Kräften eins zu wissen und sich mit diesem positiven Bezug zu sich selbst in dieser Selbstliebe zugleich eins zu wissen mit den Menschen und der Natur, ohne hierbei sich selbst aufzugeben oder den anderen zur Aufgabe seines Andersseins zu bewegen."

Vielleicht nocht etwas verständlicher formuliert: Liebe erfordert Bewusstsein über sich selbst und bringt ein Gefühl des Zusammenhalts mit anderen Menschen und der Natur, ohne dabei die eigene Individualität zu verlieren oder andere Menschen oder die Natur für sich zu vereinnahmen. Aus der "einsamen Existenz" wird somit das "Einssein".

Noch kürzer: Liebe ist also ein aktives Tun und keine passive Erwartung.

Sich ungeliebt zu fühlen heißt, sich in dieser passiven Erwartung, dass die Liebe nur durch etwas anderes zu einem kommen kann, zu verhaften. Dabei fängt die Liebe zu anderen erst mit der Liebe zu sich selbst an.

Selbstliebe bedeutet, sich nicht für die eigene Menschlichkeit zu bestrafen. Niemand ist perfekt. Jeder macht Fehler. Und das ist auch gut so. Manchmal fühlt man sich einfach schlecht oder auch einfach gut und das ist rein menschlich. Dafür gilt es sich selbst nicht unnötig herunterzuziehen. Es ist vollkommen menschlich manchmal wütend, egoistisch, traurig oder enthusiastisch zu sein.

Ein kleines Beispiel. Am Weg zu einer wichtigen Präsentation im Anzug wird man von Kaffee überschüttet. Eine der ersten Reaktionen kann sein, dass man dem Gegenüber die Schuld gibt, der in einen hineingerannt ist. Jeder Mensch denkt so. Manche bleiben länger, manche kürzer in diesem Zustand, doch er ist in jedem vorhanden. Bringt uns diese Verhalten weiter? Nicht wirklich. Dann müssen wohl diese verzwickten Gänge schuld sein, die den Blick um die Kurve erschweren, oder? Geben wir also den Umständen die Schuld. Ist genauso menschlich so zu denken, bringt uns aber auch nicht die Lösung zu unserem Problem. Hmm, dann sind wir wohl einfach selbst unfähig dazu gewesen, aufzupassen. Wir kommen der Lösung schon etwas näher. Wir tragen die Verantwortung, aber uns zu bestrafen für rein menschliches Verhalten führt wieder zu nichts. Schlussendlich bleibt uns aber dann auch nichts weiter über, als die Präsentation mit dem kaffee-getränkten Anzug zu halten. Wir bauen dazu am Anfang eine witzige Bemerkung ein und damit hat sich die Sache. Denn es ist einfach rein menschlich und daher für jeden verständlich, auch einmal unerwartet angeschüttet zu werden und spielt für die Präsentation schnell keine Rolle mehr. Schlussendlich lernen wir dazu, wie wir vielleicht in Zukunft besser aufpassen können, wenn wir das nächste Mal ohne Kaffee am Anzug präsentieren wollen.  

Entscheidend ist eben später wie man mit Emotionen, Gefühlen und Situationen umgeht, doch das sie auftreten, sind für jeden Menschen vollkommen normal. Dies gilt es zu akzeptieren und zu verinnerlichen: Ich bin gut, so wie ich bin. Dieser Satz ist umso schwerer zu begreifen, je öfter man in seiner Kindheit (von wem auch immer) das Gegenteil zu hören oder zu spüren bekommen hat. Doch als Erwachsener kann man auch das wieder lernen.

Echt echt sein

Nun sollten theoretisch die größten Hürden zum Selbst-sein hinter uns liegen.

Durch die Liebe zu uns selbst, können wir nun endlich so sein wie wir sind. Weil wir uns selbst treu sind, lernen uns neue Menschen auch gleich so kennen, werden später nicht so leicht enttäuscht und daraus entstehen tiefe Freundschaften, die genauso gut funktionieren, selbst wenn man sich nicht so oft sieht. Und auch das Beziehungsleben profitiert davon ungemein, da man nicht (mehr) von der Liebe des Partners - der ehemals passiven Erwartung geliebt zu werden - abhängig ist und so bekommt auch dieser Raum, sich selbst zu sein.

Um auch noch mit Erich Fromm abzuschließen:

Aus "Ich liebe, weil ich geliebt werde" wird "Ich werde geliebt, weil ich liebe" und aus "Ich liebe dich, weil ich dich brauche" zu "Ich brauche dich, weil ich dich liebe".

Und, mit welcher Aussage würdest du dich identifizieren?


Buchempfehlung:

Die Kunst des Liebens von Erich Fromm


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